Seren ist ein Schatten. Eine Assassine, ausgebildet, um sich der Dunkelheit entgegenzustellen, jener mysteriösen, tödlichen Kraft, die die Welt verschlingt. Die Seelen der Menschen, die sie tötet, werden zu Waffen, die sie in ihrem Kampf einsetzt. Eines Tages tötet sie den Rebellen Vale bei einem Einsatz und seine Seele wird zur mächtigsten Waffe in ihrem Besitz, aber auch zur widerspenstigsten. Während eben dieser versucht, jeden ihrer Schritte zu sabotieren, wird Seren mit der Untersuchung einer merkwürdigen Mordserie beauftragt, deren Ausmaße jegliches Vorstellungsvermögen sprengen und auf eine haarsträubende Verschwörung hindeuten... Marie Grasshoff, die Königin der deutschen Urban Fantasy, ist zurück mit einer weiteren, faszinierenden Geschichte, die gekonnt Genre-Grenzen verwischt. Tatsächlich ist es gar nicht mal so einfach, den Inhalt des Buches in kurzen, knappen Worten treffend wiederzugeben, dafür ist das Ganze schlicht zu umfangreich. Man muss sich also einfach in die Geschichte fallen lassen und darauf hoffen, dass es so gut wird, wie erhofft. Zunächst behält die Verwirrung die Oberhand, denn der Einstieg in die Geschichte ist direkt schonungslos und kompliziert. Von Anfang an macht das Buch dem Titel "Dark Fantasy" alle Ehre, es wird wirklich düster, immer wieder blutig und brutal und moralisch grau. Kein Wunder, immerhin ist die Protagonistin eine zur Perfektion gedrillte Elitesoldatin mit mehr als einem Geheimnis, und das auch noch in einer Welt, die gleichzeitig modern und postapokalyptisch wirkt. Die Autorin hat ganze Arbeit geleistet und eine einzigartige Welt mit besonderer Atmosphäre erschaffen. Das Worldbuilding ist wunderbar gestaltet, aber auch komplex und am Anfang etwas verwirrend, es braucht Aufmerksamkeit, um Serens Weg zu folgen. In einer Welt, die von einer kaum beschreibbaren Bedrohung namens "Die Dunkelheit" heimgesucht wird, herrschen die Gegensätze nebeneinander, die Welt der Menschen ist düster, aber nicht trostlos und auf ihre ganz eigene Weise faszinierend. Der Dunkelheit entgegen stellt sich "Das Haus", eine undurchsichtige, ungeheuer mächtige Instanz, die den Frieden sichert, aber auch die totale Macht besitzt. Die Menschen leben in einem ungewöhnlichen Nebeneinander von Technik, militärischer Weltungtergangsstimmung und 90er-Retro Atmosphäre in einer sich stetig wandelnden, gefährlichen Welt. Unter diesen Voraussetzungen wird die junge Seren, die insgeheim eine in aller Verschwiegenheit ausgebildete Superwaffe ist, undercover in ein Polizeirevier eingeschleust, um Mörder zu fangen. Schon bald ist sie sich aber gar nicht mehr so sicher, wer eigentlich ihr Feind ist. Die Geschichte bietet also eine abenteuerliche Mischung aus Dark Urban Fantasy, SciFi-Elementen und Krimi. Außerdem dabei ist auch eine Liebesgeschichte. Diese ist genauso moralisch grau und verdreht wie die restliche Handlung, immerhin findet sie zwischen Opfer und Täter statt. Das klingt erstmal ziemlich verkorkst, vermutlich ist das auch die beste Beschreibung, die man für die beiden finden kann, dennoch funktioniert die Verbindung erstaunlich gut. Die Autorin hat sich erst Zeit damit gelassen, die beiden einander mehr oder weniger näher kommen zu lassen. Auch wenn das Aufeinandertreffen letztendlich ziemlich plötzlich und unerwartet kam, es passt doch irgendwie zum restlichen Buch und fügt sich harmonisch in die Haupthandlung ein. Wem das Ganze nicht gefällt, der kann es auch einfach ausblenden. Der Fokus liegt nämlich ganz klar auf Serens Tätigkeit als Agentin. Sie hat mehr als ein Geheimnis und steht mit der Zeit (und dank Vales Hilfe) immer mehr zwischen den Fronten eines Krieges, dessen Ausmaße sie kaum abschätzen kann. Seren ist eine manchmal etwas überhebliche, aber trotzdem liebenswerte Protagonistin, der man ihre inneren Konflikte vollständig abkauft, auch wenn sie sich selbst und ihre Fähigkeiten manchmal überschätzt. Während die Handlung fortschreitet, erkennt sie mehr und mehr von dem Netz aus Intrigen, Halbwahrheiten und Indoktrination, in dem sie aufgewachsen ist und lernt, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Die Autorin hat ihre Entwicklung von der loyalen Soldatin zur kritischen Kämpferin glaubwürdig dargestellt, im nächsten Band wird es davon sicherlich auch noch mehr zu sehen geben. Trotz seiner Komplexität und relativ hohen Seitenanzahl kann das Buch durchgängig unterhalten und fesseln, es bleibt vielseitig und auch immer wieder mal nachdenklich, ständig abwechslungsreich und düster. Während man als Leser womöglich einige Wendungen vorausahnt, die der Protagonistin erst nach und nach klar werden, bleibt doch das große Ganze weiterhin wortwörtlich im Dunklen und so ist das Ende des Buches eines, das nach einer möglichst zeitnahen Fortsetzung verlangt. Es geht hier allerdings um weit mehr als nur um Action, Ermittlungen und Verschwörungen, im Gegenteil: Die Autorin hat mit ihrem "Magiesystem", das fast nach Science-Fiction klingt, eine geniale Darstellung von Macht und ihren Gefahren gezeichnet. Das Buch zeigt immer wieder leicht philosophische Züge in Richtung Macht und Verantwortung, dem Streben nach mehr, das zwar ursprünglich mit den besten Absichten geschah, sich aber im Prozess gegen die richtete, die es beschützen sollte. Gerade das Ende des Buches weckt die Hoffnung, dass dieses Thema im Finale noch einmal stärker zum Tragen kommen könnte. Man darf gespannt sein. Der Auftakt der "House of Blades"-Dilogie bietet ein vielversprechendes Leseerlebnis und das Gefühl von Innovation und Kreativität in einem Genre, das heute oft von Wiederholungen geprägt ist. Die ungewöhnliche Mischung von Handlungselementen und das Worldbuilding bieten einen tollen Cocktail für eine besondere Geschichte, die alle Leser begeistern könnte, die vor düstereren, angeknacksten und blutigen Geschehnissen nicht zurückschrecken.