Eine emotionale Lektüre!
In "Alte Pfade" schreibt Alexa Hennig von Lange über eine vielschichtige Vater-Tochter-Beziehung, die von vererbten Glaubenssätzen und Verhaltensweisen, aber auch viel Liebe und Zuneigung geprägt ist. Dabei stellt sie immer wieder die Frage, wie nah wir unseren Eltern wirklich kommen können und wie sehr prägende Erlebnisse, die unsere Eltern gemacht haben, unsere eigenen Beziehungen beeinflussen.Liliane ist gerade aus dem sonnigen Urlaub zurückgekommen, da erhält sie einen überraschenden Anruf: Ihr Vater liegt nach einem Herzinfarkt im Krankenhaus - in Schottland. Der 89-Jährige ist alleine aufgebrochen, um noch einmal einen Weg zu wandern, den er als junger Mann gegangen ist. Liliane reist ihm nach, kann ihn nicht aufhalten und findet sich kurze Zeit später in dünnen Stoffschuhen auf einer Wanderung wieder, die nicht nur durch die schottischen Highlands, sondern auch in die Vergangenheit und die Beziehung zwischen ihr und ihrem Vater führt.Besonders gefallen an diesem Roman hat mir die Vielschichtigkeit und Komplexität der Beziehung zwischen Liliane und ihrem Vater Klaus. Obwohl Liliane ihrem "Papi" nah sein will, ihre Zuneigung immer wieder mit kleinen Gesten zeigt, ist sie gleichermaßen erschöpft und wütend über ihre Beziehung. Viele Verhaltensweisen, beispielsweise dass sie nicht mit dem Flugzeug fliegt, hat sie von ihrem Vater übernommen, denn der hat schon immer gesagt, seine Familie fliege nicht. Ihrem Bruder ist hier zumindest eine kleine Loslösung gelungen, doch Liliane hat zu kämpfen. Nicht immer sind ihr die Handlungen, in denen sie gefangen ist, sofort klar - im Gegensatz zu uns Lesenden. Wir erkennen, wenn Liliane einmal wieder etwas macht, weil es der Vater in der Vergangenheit so vorgelebt hat. Auf ihrer gemeinsamen Wanderung kommen sich die beiden sehr nahe und sprechen über Schicksalsschläge aus der Vergangenheit, die die beiden zu den Menschen gemacht haben, die sie heute sind. Die Vergangenheit beginnt nicht erst mit dem Selbstmord von Lilianes Mutter, die den Vater mit drei kleinen Kindern allein ließ, sondern mit der Flucht des Vaters als kleiner Junge während des Krieges. Versteckt in Ziegenställen, umgeben von Leid und Tod, wurde ihm beigebracht, durchzubeißen und sich zusammenzureißen. Und genau das tat Lilianes Vater sein ganzes Leben lang - und hat dabei seine eigenen Gefühle außer Acht gelassen. Liliane hätte sich als Kind so sehr gewünscht, mit ihrem Vater zu trauern, gemeinsam aufzustehen nach gemeinsamer Traurigkeit, doch der Vater zeigte wenig Regung, er musste schließlich die Familie zusammenhalten. Auch wenn Liliane ihrem Vater Vorwürfe macht, bringt sie doch immer wieder Verständnis für seine Situation auf. Erst auf der gemeinsamen, beschwerlichen Wanderung erfährt sie, was ihr Vater als kleines Kind durchmachen musste. Kleine Gesten der Zuneigung lässt auch der Vater der Tochter zukommen, indem er beispielsweise ehrlich sagt, dass er froh sei, dass Liliane bei der Wanderung dabei sei.Mich hat das Buch besonders berührt, da mich Lilianes Vater Klaus an meinen Opa erinnert hat, der vor ziemlich genau einem Jahr gestorben ist. Die beiden haben viel gemeinsam: traumatische Erlebnisse als kleines Kind während des Krieges und die daraus resultierende "Durchbeißen-Haltung", die die Familie geprägt hat. Besonders berührend war für mich, dass Liliane trotz aller Konflikte ihren Vater nicht von sich stößt, sondern das sieht, was wirklich ist: ein alter, vom Leben gezeichneter Mann, der sich mit der Wanderung einen letzten Wunsch erfüllen möchte. Mehrmals hatte ich Tränen in den Augen, besonders am Ende, das emotional und versöhnlich war, gleichzeitig ein Ende und ein Anfang: Das Gehen der "Alten Pfade" hat Veränderung möglich gemacht.Liliane hat sich auf der Reise weiterentwickelt und immer gewinnbringender auf ihre gescheiterte Ehe, aber auch auf die Beziehung zu ihrem Sohn geblickt. Ich glaube, dass sie am Ende die Mutter sein kann, die ihr Sohn braucht. Auch wenn es für sie schwierig sein wird, weiterzugehen, wird sie dies tun - mit der Liebe des Vaters im Herzen."Alte Pfade" war für mich eine emotionale Lektüre, die ich uneingeschränkt weiterempfehlen kann.