Liliane ist frisch geschieden und gerade von ihrem ersten Urlaub ohne Ehemann zurückgekehrt, als sie die Nachricht erreicht, dass ihr 89-jähriger Vater in Schottland im Krankenhaus liegt. Er wollte allein durch die schottischen Highlands wandern auf einem Weg, den er bereits als junger Student gegangen ist. Die Ärzte raten ihm dringend, sich zu schonen. Liliane macht sich auf den Weg, um ihren Vater nach Hause zu holen. Doch der alte Herr denkt gar nicht daran, seine Wanderung abzubrechen. Er ist stur und will weiter. Also beschließt Liliane kurzerhand, ihn zu begleiten. Und das, obwohl sie alles andere als gut für eine solche Tour ausgerüstet ist.
Gemeinsam mit den beiden begeben wir uns auf eine Reise durch die ursprüngliche, raue Schönheit der schottischen Highlands. Die Autorin ist den Weg ihres Vaters selbst noch einmal gegangen, und das spürt man beim Lesen. Die Landschaft wird so lebendig beschrieben, dass man die Weite förmlich vor Augen hat und glaubt, die klare, frische Luft selbst einzuatmen. Eine wunderbare Kulisse für eine Geschichte, die weit mehr ist als ein Wanderabenteuer.
Im Mittelpunkt steht die Beziehung zwischen Vater und Tochter. Sie scheint über all die Jahre von emotionaler Kühle, Distanz und einer gewissen Dominanz des Vaters geprägt worden zu sein. Doch nach und nach erfahren wir, was diesen Mann geformt hat: seine Kriegserlebnisse, die Flucht aus der Heimat und schließlich der Suizid seiner Frau. Mit drei Kindern blieb er allein zurück und musste seinen eigenen Weg finden, mit all diesen Schicksalsschlägen umzugehen. Bis heute scheint ihn etwas anzutreiben, als könne er einfach nicht zur Ruhe kommen.
Auch Liliane trägt ihre Verletzungen mit sich. Die Beziehung zu ihrem Vater hat sie geprägt, und die Scheidung ist ein weiterer Einschnitt in ihrem Leben. Besonders schmerzhaft ist, dass ihr Sohn nach der Trennung keinen Kontakt mehr zu ihr möchte.
Auf den gemeinsamen Etappen durch die Highlands verändert sich etwas zwischen den beiden. Sie kommen sich näher, sprechen miteinander und beginnen, hinter die Fassaden des jeweils anderen zu schauen. Was jahrelang unausgesprochen blieb, bekommt endlich Raum. Vater und Tochter lernen sich noch einmal ganz neu kennen und vielleicht gelingt es ihnen gerade jetzt, einander wirklich zu verstehen.
Mein Fazit:
Alte Pfade ist ein unglaublich berührender Roman. Leise und intensiv erzählt Alexa Hennig von Lange von familiären Verletzungen, alten Wunden und den Spuren, die das Leben in uns hinterlässt. Es geht um Abschiede, um Neuanfänge und um die Möglichkeit, sich selbst und anderen auch nach vielen Jahren noch einmal neu zu begegnen.
Ein Roman, der nachdenklich macht und noch lange nachklingt. Denn manchmal muss man sich gemeinsam auf den Weg machen, um einander endlich näherzukommen.
Von mir gibt es eine absolute Leseempfehlung!