
Besprechung vom 20.03.2026
Familie heißt doch nicht, dass man sich kennt
Wo bleiben all die Bookfluencer? Gianna Langes Debütroman "Und dann springen wir" verdient Beachtung
Die Beziehung zwischen Müttern und Töchtern ist von außergewöhnlicher Nähe und der gleichzeitigen Suche nach Eigenständigkeit geprägt - und vielleicht gerade deshalb so kompliziert. Die Mutter ist für die Tochter Vorbild und Reibungsfläche zugleich, und die Literaturgeschichte ist voll von Erzählungen über diese spezielle Bindung in ihren unterschiedlichsten Formen. Aber was, wenn das Verhältnis unter erschwerten Bedingungen aus dem Gleichgewicht gerät, wenn sich die Rollen verschieben und die Tochter schon früh für ihre Mutter sorgen muss? Von einer solchen Geschichte erzählt die Bremer Autorin Gianna Lange in ihrem Debütroman "Und dann springen wir" in einer ebenso schonungslosen wie poetischen Prosa, die ohne moralische Wertung die Dynamik eines widersprüchlichen Familiengefüges abtastet.
Elise ist keine Bilderbuchmutter, "keine Mutter, die Kuchen backte, keine Mutter, die jeden Abend gesund und abwechslungsreich kochte oder anderer Leute Kinder zum Spielen einlud. Sie war die Mutter, die Kuchen kaufte, wenn ihr danach war, die nicht jeden Abend zu Hause war und die anderer Leute Kinder nicht mochte" - und die Mutter, die regelmäßig zu Drogen und Alkohol greift, weil ihr das Leben manchmal zu große Angst macht. Rosa, die ihre Mutter schon als kleines Kind nur beim Vornamen nennt, lernt früh, sich anzupassen, Stimmungen zu lesen und Verantwortung zu übernehmen; der Vater hat schließlich längst das Weite gesucht und lebt mit einer neuen Frau den Traum einer Bilderbuchfamilie.
Als Elise unerwartet stirbt, ist Rosa erst Mitte zwanzig und plötzlich nicht nur gezwungen, den Tod ihrer Mutter zu verarbeiten, sondern auch das erste Mal ihren eigenen Platz im Leben zu suchen. Lange verlegt diese innere Reise ins Äußere und lässt ihre Erzählerin Rosa auf einem Roadtrip quer durch Osteuropa nicht nur die Route einer Reise wiederholen, auf der Mutter und Tochter das letzte Mal glücklich waren, sondern erzählt diese auch als eine Spurensuche nach Elise und deren eigenen zerrütteten Familiengeschichte. Es ist eine der großen Stärken des Romans, dabei Elises nie überwundenen Verlust des eigenen Vaters hinter dem Eisernen Vorhang und das daraus hervorgehende intergenerationelle Trauma subtil mit der Geschichte des von Krieg, Grenzziehungen und Verlust gezeichneten Ostens zu verschränken, ohne je ins Pathetische oder gar Didaktische abzugleiten.
Dass es die Suche nach einem verlorenen Zuhause war, die Elise fünfzehn Jahre zuvor erst nach Prag und dann nach Bosnien geführt hat, wird ihrer Tochter erst auf der eigenen Reise klar. Von ihren Großeltern kennt Rosa nur ein einziges Foto, "alle anderen Bilder und Erinnerungen hat Elise weggeschlossen und niemanden rangelassen. Obwohl sie kein Problem damit hatte, ihren Schmerz mit mir zu teilen. Nur den Grund, den wollte sie mir nicht nennen." Lange, Jahrgang 1985, beschreibt die ambivalenten Gefühle des Kindes gegenüber seiner Mutter mit all ihren Fehlern und Schwächen in berührender Offenheit und ohne Beschönigung. Wut und Enttäuschung, Trauer, Zärtlichkeit, das langsam einsetzende Verständnis und schließlich die Frage: Wie viel von Elise und ihrer Getriebenheit steckt auch in Rosa?
Dieser Prozess - vor der Kulisse der schmerzlich-schönen Landschaft des Balkans mit seinen satten Mandarinenfeldern, seinem goldenen Licht und all seinen Brüchen und Narben in bester Road-Novel-Manier in Szene gesetzt - erlaubt es Rosa auch, sich langsam wieder dem entfremdeten Vater anzunähern, vorsichtig, tastend und ohne große Gesten. "Familie heißt doch nur in der Theorie, dass man sich kennt. Das bedeutet nicht, dass es auch so ist. Aber das kann ja werden", heißt es an einer Stelle, und die versöhnliche Botschaft des Romans ist, dass man das - zumindest ein Stück weit - selbst in der Hand hat.
Einzig die sich leise anbahnende Liebesgeschichte zwischen Rosa und ihrer Kommilitonin Emma, die sie auf ihrer Reise wie zufällig wiedertrifft und die selbst - natürlich ebenfalls ganz zufällig - auf der Suche nach ihrer unbekannten Herkunftsfamilie in Mostar ist, wirkt arg konstruiert und mehr wie der Versuch, ein jüngeres Publikum stärker anzusprechen, denn als erzählerische Notwendigkeit. Hier will der Text mehr, als er müsste, und es sind diese wenigen Passagen, in denen der Roman seine sonst so erfrischende Unsentimentalität aufgibt und stellenweise ins Kitschige abzudriften droht.
In einer Zeit, in der literarische Texte über Traumata und familiäre Verletzungen Hochkonjunktur haben und Romane wie Ruth-Maria Thomas' "Die schönste Version" oder Caroline Wahls "22 Bahnen" in den sozialen Medien euphorisch gefeiert werden, verwundert es, dass all die Bookfluencer und Booktoker dieses Buch - das sich trotz seiner schweren Thematik zudem noch ziemlich leicht lesen lässt - nicht längst für sich entdeckt haben. Möglicherweise liegt es daran, dass sich seine Zielgruppe nicht eindeutig festlegen lässt: "Und dann springen wir" ist weder klassischer Coming-of-Age-Roman noch reine Traumaerzählung, weder Liebesgeschichte noch Familienroman im engeren Sinne.
Gerade darin liegt seine Qualität: Gianna Lange verweigert sich weitestgehend gängigen Genrelogiken und setzt ganz auf die Qualität und Genauigkeit ihrer Sprache, die Ambivalenzen aushält, statt sie aufzulösen. Man darf gespannt sein auf das, was noch kommt. SELMA SCHILLER
Gianna Lange: "Und dann springen wir". Roman.
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2025.
187 S. geb., 22, - Euro.
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