Kennt Ihr diese Bücher, bei denen man sich nicht entscheiden kann, wie man zur Hauptfigur steht?
Bei Ayla bin ich ständig geschwankt zwischen Verständnis, Umarmung und Mitgefühl auf der einen Seite und Antipathie, Unverständnis und Wundern auf der anderen
Mit Mondblau hat Fatma Mittler-Solak einen Roman geschrieben, der wirklich einige auf den Tisch packt. Familie, Freundschaft, Liebe, Herkunft, Erwartungen, Mutterschaft und psychische Krisen. Hier ist thematisch wirklich einiges los. Mittendrin eine Frau, deren Leben ziemlich aus den Fugen gerät.
Ayla ist 42, gerade zum vierten Mal Mutter geworden und hat immer versucht, es allen Recht zu machen. Als Tochter türkischer Gastarbeiter lernt sie früh, dass Leistung wichtig ist und man die Eltern stolz machen sollte. Gute Noten, ein erfolgreiches Studium und am besten noch eine Karriere, die sich sehen lassen kann. Läuft bei ihr nicht Denn das Leben beschließt, dass es jetzt mal Zeit für eine ordentliche Vollbremsung ist.
Zu ihrem vierten Kind findet Ayla keinen richtigen Zugang. Sie zieht sich immer weiter zurück, verliert zunehmend den Halt und gerät in eine tiefe psychische Krise. Während sie versucht, irgendwie mit sich selbst und ihren Gefühlen klarzukommen, wird sie auch noch von der Vergangenheit eingeholt.
Dabei spielt hauptsächlich Aylas beste Freundin Victoria eine Rolle. Die beiden sind seit ihrer Jugend unzertrennlich. Eigentlich. Sie sind sehr unterschiedlich und ihre Freundschaft ist alles andere als unkompliziert. Die Rückblicke in ihre gemeinsame Vergangenheit fand ich dabei besonders spannend. Man erfährt, wie eng die beiden miteinander waren, welche Erwartungen sie aneinander hatten und wie sich ihre unterschiedlichen Lebenswege auf ihre Beziehung ausgewirkt haben.
Dieser Handlungsstrang hat mich besonders beschäftigt, denn manchmal reicht es eben einfach nicht, dass man sich schon ewig kennt und einmal unzertrennlich war. Wenn Missverständnisse, unausgesprochene Konflikte und unterschiedliche Vorstellungen dazukommen, kann selbst die engste Freundschaft ziemlich ins Wanken kommen. Wenn dann auch noch plötzlich der Kontakt abbricht und man mit lauter offenen Fragen zurückbleibt, kann das schon ein ziemlich schmerzhafte Angelegenheit sein.
Auch Aylas erste große Liebe spielt eine Rolle. Diese Erfahrung hat ebenfalls Spuren hinterlassen und im Laufe der Geschichte wird immer deutlicher, wie sehr unsere Erlebnisse und die Menschen, die uns prägen, Einfluss auf unser späteres Leben haben können.
Was mir an Mondblau gefallen hat, ist die Vielschichtigkeit der Figuren. Ayla ist keine Person, die man durchgehend verstehen oder für jede ihrer Entscheidungen beklatschen muss. Es gab durchaus Situationen, in denen ich sie am liebsten geschüttelt hätte. Gleichzeitig konnte ich aber auch nachvollziehen, warum sie so handelt und von den Erwartungen anderer geprägt ist.
Allerdings muss ich auch sagen, dass mir die Fülle an Themen stellenweise ein bisschen zu viel war. Kaum hatte ich mich auf einen Handlungsstrang eingelassen, kam schon der nächste um die Ecke Dabei hätte ich mir bei einigen Themen etwas mehr Tiefe und Raum gewünscht, andere hätten dabei eher etwas zurücktreten können.
Erreicht hat mich das Buch trotzdem und es hat mich auch nach dem Lesen noch beschäftigt.
Mondblau ist ein nachdenklicher und emotionaler Roman über Erwartungen, die wir an uns selbst und andere stellen, über Freundschaften, die sich verändern und darüber, wie schwierig es sein kann, den eigenen Weg zu finden. Von mir gibt es eine Empfehlung.