2.5
In der postapokalyptischen Stadt New Found Haven entscheidet die Zugehörigkeit zu einem der drei Ringe über das gesamte Leben ihrer Bewohner. Während die privilegierte Oberschicht im sogenannten Heart hinter ihren Masken ein Leben im Überfluss führt, kämpfen die Menschen in den äußeren Ringen täglich ums Überleben. Beherrscht wird die Stadt von Präsident Maximus Serel, dessen brutales Regime jeden Widerstand erbarmungslos unterdrückt. Shadera Kael, eine ausgebildete Attentäterin und Rebellin, hat allen Grund, dieses System zu hassen. Als sie den Auftrag erhält, Greyson Serel, den Sohn des Präsidenten und gefürchteten Scharfrichter des Regimes, zu töten, scheint ihre Rache endlich zum Greifen nah. Doch der Anschlag scheitert. Ein Vergehen, das eigentlich mit dem Tod bestraft wird. Stattdessen nutzt der Präsident die Situation für seine eigenen politischen Zwecke und zwingt die beiden zu einer Ehe, die den Widerstand in den äußeren Ringen schwächen soll. Plötzlich müssen zwei vermeintliche Feinde miteinander leben, während sich hinter den Fassaden des Regimes weit mehr Geheimnisse verbergen, als zunächst angenommen.
Die Ausgangsidee von Daggermouth hat mich sofort angesprochen. Ich lese unglaublich gerne Dystopien und gerade die Kombination aus einem erbarmungslosen Gesellschaftssystem, politischen Intrigen, einer aufkeimenden Rebellion und einer Enemies-to-Lovers-Romance klang für mich wirklich vielversprechend. Durch den großen Hype um das Buch war ich entsprechend neugierig und hatte mich schon lange darauf gefreut. Umso bedauerlicher finde ich es, dass mich die Umsetzung letztendlich in so vielen Punkten enttäuscht hat.
Dabei hat mir die düstere Grundstimmung durchaus gefallen. Die Unterdrückung der äußeren Ringe durch das Heart ist schonungslos und bietet eigentlich eine spannende Grundlage für eine Geschichte über Macht, Ungerechtigkeit und Widerstand. Auch die Idee der Masken fand ich zunächst interessant. Die herrschende Elite bleibt dadurch anonym und unnahbar, was ihre Machtposition noch einmal unterstreicht. Allerdings blieb es für mich leider bei einer interessanten Idee, denn wirklich ausgearbeitet wurde dieses Konzept nicht.
Generell hätte ich mir deutlich mehr Tiefe beim Worldbuilding gewünscht. Obwohl New Found Haven durch seine gesellschaftliche Aufteilung so viele Möglichkeiten bietet, bekommen wir nur einen sehr begrenzten Einblick in die Stadt. Die Handlung konzentriert sich auf wenige Schauplätze, wodurch das Setting für mich eher wie eine Kulisse wirkte als wie eine lebendige, in sich funktionierende Welt. Wie das Leben außerhalb der Paläste tatsächlich aussieht, wie die Gesellschaftsordnung entstanden ist oder wie das System im Detail funktioniert, bleibt weitgehend offen. Gerade bei einer Dystopie finde ich solche Hintergründe aber unglaublich wichtig, um die Welt und die Konflikte wirklich nachvollziehen zu können. Auch die Masken waren für mich nicht immer ganz schlüssig. Einerseits sollen sie die Gesichter der Elite vollständig verbergen, andererseits scheinen die Charaktere damit relativ problemlos essen und ihren Alltag bestreiten zu können. Teilweise wird sogar ihre Mimik beschrieben, obwohl diese eigentlich gar nicht erkennbar sein dürfte. Das sind vielleicht Kleinigkeiten, aber in der Summe haben solche Ungereimtheiten dafür gesorgt, dass ich mich nie vollständig in dieser Welt verlieren konnte.
Was mir allerdings noch deutlich schwerer gefallen ist, war der Zugang zu den Charakteren. Die Geschichte wird aus der dritten Person erzählt und wechselt hauptsächlich zwischen fünf verschiedenen Perspektiven: Shadera, Greyson, Lira, Callum und Jameson. Im weiteren Verlauf kommen sogar noch drei kleinere Perspektiven hinzu. Grundsätzlich bin ich ein großer Fan von mehreren POVs und mag es sehr, wenn verschiedene Handlungsstränge zunächst unabhängig voneinander verlaufen und sich nach und nach zu einem großen Ganzen zusammenfügen. Genau das hat für mich hier aber leider nicht funktioniert.
Stattdessen hatte ich immer wieder das Gefühl, dass sich die Geschichte nicht so richtig entscheiden konnte, worauf sie ihren Fokus legen möchte. Soll es hauptsächlich um Shadera und Greyson und ihre Beziehung gehen? Um die Rettungsaktion rund um Jameson? Oder um Lira und Callum? Natürlich schließen sich diese Handlungsstränge nicht gegenseitig aus, und ich hätte es durchaus spannend gefunden, wenn sie sich gegenseitig ergänzt und die Geschichte dadurch komplexer gemacht hätten. Für mich standen sie sich aber eher im Weg. Immer wenn ich das Gefühl hatte, einem Charakter oder einer Handlung etwas näherzukommen, wechselte die Perspektive wieder und ein anderer Konflikt rückte in den Vordergrund.
Dadurch blieb für mich letztendlich alles ein wenig an der Oberfläche. Die einzelnen Handlungsstränge bekamen nicht genügend Raum, um sich wirklich zu entfalten, und auch die Charaktere wirkten auf mich trotz ihrer teilweise interessanten Vorgeschichten erstaunlich blass. Ich konnte ihre Beweggründe zwar nachvollziehen, aber eine wirkliche emotionale Bindung wollte einfach nicht entstehen. Gerade bei einer Geschichte, die so stark von persönlichen Verlusten, Rache und Loyalitätskonflikten geprägt ist, hätte ich mir deutlich mehr emotionale Tiefe gewünscht.
Besonders enttäuscht hat mich in diesem Zusammenhang auch die Romance zwischen Shadera und Greyson. Ihre Ausgangssituation bietet eigentlich alles, was ich an einer guten Enemies-to-Lovers-Geschichte liebe: zwei Menschen auf gegnerischen Seiten, tief verwurzeltes Misstrauen, eine erzwungene Nähe und jede Menge Potenzial für Konflikte und langsam wachsende Gefühle. Leider wurde für mich viel zu wenig daraus gemacht. Die Beziehung entwickelt sich relativ schnell und passiert gefühlt eher nebenbei, während die anderen Handlungsstränge immer wieder in den Vordergrund rücken. Mir fehlten vor allem die Tension und eine glaubwürdige emotionale Annäherung. Ich hätte gerne miterlebt, wie sich die gegenseitige Abneigung langsam verändert, wie Vertrauen entsteht und wie sich die Gefühle entwickeln. Stattdessen konnte ich diesen Wandel nur bedingt nachvollziehen. Für meinen Geschmack hätte die Romance deutlich mehr Zeit und Aufmerksamkeit gebraucht.
Auch die Handlung selbst konnte mich leider nicht besonders überraschen. Viele Entwicklungen und Plot Twists waren für mich schon früh absehbar, wodurch sich die Spannung trotz der zahlreichen Konflikte und Ereignisse in Grenzen hielt. In Verbindung mit den eher distanzierten Charakteren fiel es mir deshalb zunehmend schwer, wirklich mitzufiebern.
Letztendlich ist Daggermouth für mich eines dieser Bücher, bei denen ich die Grundidee deutlich stärker finde als das, was daraus gemacht wurde. Das düstere Setting, die gesellschaftlichen Machtverhältnisse und die Ausgangslage der Romance hätten eigentlich genau meinen Geschmack treffen müssen. Leider fehlte es mir aber sowohl beim Worldbuilding als auch bei den Charakteren und ihren Beziehungen an Tiefe. Die vielen Perspektiven hätten die Geschichte bereichern können, haben für mich jedoch eher dazu geführt, dass kein Handlungsstrang sein volles Potenzial entfalten konnte.
Ich hätte Daggermouth wirklich gerne gemocht, gerade weil die Prämisse so vielversprechend klang. Am Ende blieb bei mir aber vor allem das Gefühl zurück, dass aus dieser Geschichte so viel mehr hätte werden können.
Vielen Dank an NetGalley und den Verlag für die Bereitstellung des deutschen Rezensionsexemplars. Meine Meinung wurde dadurch selbstverständlich nicht beeinflusst.