Daniel Specks Roman Villa Rivolta erscheint im Fischer Verlag.
Bresso 1945:
Die Kinder Piero, Sohn des Automobilherstellers Renzo Rivolta, und Valeria, Tochter der Haushälterin Caterina Fabrizi, lernen sich im Garten der Villa Rivolta kennen und versprechen sich eine lebenslange Freundschaft. Direkt neben der Villa liegen die Produktionsstätten für Kühlgeräte, in denen später Motorroller, die bekannte Isetta und luxuriöse Sportwagen hergestellt wurden.
Valeria und Piero verbringen ihre Jugend in den goldenen Jahren Italiens, doch später kippt die Stimmung im Land und Streiks, soziale Unruhen und Klassenkämpfe verändern den gesellschaftlichen Frieden. Von Piero wird erwartet, dass er das Familienimperium übernimmt, während Valeria versucht unabhängig zu werden und sich in den Arbeitersohn Flavio verliebt, der sich dem Kampf gegen Ausbeutung und gesellschaftliche Unterschiede widmet.
Mailand 1979:
Valerias 14-jähriger Sohn Tonino findet auf einer Baustelle eine Wehrmachtspistole und macht den Fehler und nimmt die Waffe mit in die Schule. Beim Versuch sie gegen einen Walkman zu tauschen, wird er erwischt und die Polizei erfährt von der Waffe. Als Valeria davon erfährt, fährt sie unverzüglich zu Piero. Auf der Fahrt erzählt sie Tonino eine lang verschwiegene Wahrheit, die auch ihr Schicksal geprägt hat.
"Man sagt, es gäbe eine große Liebe im Leben. Tatsächlich aber gibt es zwei: eine, die du nie bekommst und eine, die du nie vergisst." Zitat Seite 7
In diese große, gesellschaftliche Themen betreffende Familiengeschichte bin ich tief eingetaucht und war den Figuren eng verbunden. Zum Lesen habe ich mir bewusst viel Zeit genommen, weil ich die Geschichte möglichst lange auskosten wollte. Das bildhaft geschilderte Lebensgefühl Italiens war absolut spürbar, ich wurde an Federico Fellinis Film La dolce vita erinnert, erlebte vor dem Hintergrund sozialer Unterschiede und politischer Umbrüche eine Liebe zweier Seelenverwandter, die sich lebenslang verbunden fühlen. Doch im gesamten Verlauf des Romans wird deutlich, dass Herkunft und die gesellschaftlichen Unterschiede der Liebe im Weg stehen.
Daniel Speck hat die erzählerische Gabe, seinen Figuren intensiv Leben einzuhauchen und sie in einem authentisch geschilderten Kontext der Zeitgeschichte so einzubinden, daß beim Lesen das Kopfkino anspringt. In seinem Roman verarbeitet er die biografisch angehauchte Geschichte Piero Rivoltas und lässt uns am Bau der Isetta teilhaben, zeigt die unternehmerischen Schwierigkeiten des Familienunternehmens, das Leben der Reichen und die soziale Schieflage der arbeitenden Bevölkerung, sowie die Differenzen zwischen Nord- und Süditalien.
Valeria steht für eine Frau, die sich emanzipieren möchte, in einer Männerwelt und einer Zeit, als Frauen eher in einer Ehe landeten als in einem Beruf. Als der industrielle Aufschwung erst Dolce Vita versprach und dann in eine kulturelle Revolution führte.
In Villa Rivolta wird ein komplexes Gerüst aus Schicksalen, menschlichen Beziehungen und gesellschaftlichem Wandel beschrieben, die in ihrer Gesamtheit das Lebensgefühl und den Zeitgeist sichtbar machen. Die gezeigten Emotionen und das Handeln der Figuren werden vor dem Hintergrund eines besonderen Familiengeheimnisses spannend aufgeklärt und bekommen damit sichtbare Bedeutung.
Villa Rivolta ist ein wunderbarer, detailreich erzählter Roman über Seelenverwandte, italienisches Lebensgefühl, über Macht und Einfluss und über Existenzsorgen und soziale Ungerechtigkeit. Der Roman hat mich gefesselt und wunderbar atmosphärisch unterhalten.