
Vom Staatsmythos Buchenwald zum Angriff auf die Demokratie
Auch 80 Jahre nach der Befreiung von Buchenwald ist die Erinnerung an den Holocaust nicht in der demokratischen Mitte angekommen. Die Angriffe auf das, was im Land Gedächtniskultur heißt, kommen nicht mehr nur von rechts. Warum? Was ist da los? Ines Geipel taucht in ihrem neuen Buch »Landschaft ohne Zeugen« noch einmal in die Vergangenheit ein, sucht nach den Quellen der Lagerwelt und befragt die Legenden nach 1945: von der vorbildlichen Aufarbeitung im Westen bis zum antifaschistischen Staatsmythos der DDR. Ein bestürzendes, hochaktuelles Buch über die alte und neue Unfähigkeit zu trauern und die Erinnerungskälte nach zwei Diktaturen.
Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 in der Kategorie Sachbuch/Essayistik
Besprechung vom 15.03.2026
Was zum Verschwinden kommt
Was weiß man im Westen über den Umgang mit dem Holocaust im Osten und umgekehrt? Und warum spielt das für heutige Debatten und den Antisemitismus überhaupt eine Rolle? Ines Geipels Buch "Landschaft ohne Zeugen" sucht nach Antworten.
Von Tania Martini
Erinnerungskultur ist ein eigentümlicher Begriff. Er suggeriert, es gäbe einen allgemein geteilten Konsens darüber, wie an den Holocaust erinnert wird. Dabei ist die Art des Erinnerns brüchig, widersprüchlich, wandelbar. Dass die Erinnerung, auf die man in Deutschland heute so stolz ist, einst von Überlebenden, lokalen Initiativen und sozialen Bewegungen gegen erhebliche politische und gesellschaftliche Widerstände mühsam erkämpft werden musste, scheint in ihm nicht mehr auf. Inzwischen steht diese sogenannte deutsche Erinnerungskultur längst nicht mehr nur von rechts unter Beschuss, sondern auch von links. Die Vorwürfe ähneln sich oft auf verblüffende Weise - etwa wenn von einem "deutschen Schuldkult" die Rede ist. Aus dem Erinnerungsweltmeister Deutschland, dessen Selbstbild und Selbststolz ja wesentlich auf negativer Erinnerung beruhen, soll ein McCarthy-hafter Staat geworden sein, der Erinnerung zur politischen Selbstvergewisserung instrumentalisiere und dessen Parteinahme für den Staat Israel ihn angeblich blind für gegenwärtiges Unrecht machte. Ein Streit, in dem auch die Beispiellosigkeit des industriellen Massenmordes an den Juden zur Verhandlungsmasse geworden ist und Opferkonkurrenzen die sachliche historische Analyse häufig überlagern.
Ritualisierte Aufregungsdynamiken schieben sich zunehmend vor inhaltliche Debatten; man verliert leicht den Überblick über Skandale, Absagen, Ausladungen und offene Briefe. Interessant wäre zu untersuchen, wann diese Flut offener Briefe begann und was sie mit der veränderten sozialen Rolle der Intellektuellen in der sogenannten Wissensgesellschaft zu tun hat. Klar ist: Der Holocaust wirft einen langen Schatten, und viele der Konflikte, die wir heute erleben, haben ihren Ursprung in der Art und Weise, wie Geschichte aufgearbeitet oder verdrängt wurde. Noch komplizierter, als es ohnehin schon ist, wird es, wenn man die beiden Deutschlande berücksichtigt.
Die Autorin und Publizistin Ines Geipel, die sich vor allem mit der Geschichte der DDR und politischer Gewaltgeschichte beschäftigt, spricht in ihrem neuen Buch "Landschaft ohne Zeugen" von zwei politischen Mythen- und Entlastungssystemen - von zwei Ländern, die auch erinnerungspolitisch nicht genug voneinander gewusst haben: im Westen die erkämpfte Aufarbeitung bei gleichzeitig entkonkretisiertem Gedenken; im Osten, wo man sich nie für eine Täter-, sondern für eine Opfergesellschaft hielt, eine "Heroenrealität, die die Vielheit der Opfer außerhalb des historischen Geländes deponierte".
Das Gelände, das sich Geipel vornimmt, um der verfälschten Vergangenheit nachzugehen, ist das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald. Noch 26 Jahre nach Kriegsende tauchten in seiner Umgebung menschliche Überreste von KZ-Opfern auf - auch in Brandenburg wurden zur selben Zeit über 500 Skelette gefunden -, ein "unterirdisches Archipel der anonymen Massenmorde", nach oben treibende Körper, deren Erscheinen und deren Überreste leise und bürokratisch bearbeitet wurden: als ein "mit einer Nummer versiegeltes Päckchen, das auf die Stasi-Kasse gebucht wurde", so Geipel. "Wie viel Juden sind 1080 Gramm Zahngold?", fragt sie, um den Zynismus der DDR-Führung offenzulegen. Diese Körper sind das sichtbarste Zeichen der verdrängten Erinnerungsschichten, die sich in Buchenwald übereinandergelagert haben - einem Ort, den die DDR zugleich zum Zentrum ihres antifaschistischen Gründungsmythos erhob.
Überhaupt die Körper. Sie tragen alle die Spuren des Verdrängten und Erahnten. Geipels Großväter: SS-Täter, Zeugen oder Gehilfen bei Pogromen und Massakern; einer bittet um Ausstattung seiner Dienstwohnung mit Beständen aus einem Ghetto. Später bereiten ihre Körper Schmerzen: der Magen, die Nerven. Geipel nennt es "verkapseltes Körperwissen". Sie selbst - eine Vierzehnjährige, stotternd zur Jugendweihe auf dem Appellplatz in Buchenwald, später über den Akten im Archiv das Augenbrennen. Geipels Mischung aus persönlicher Geschichte, Quellenmontage und historischer Darstellung ist fein komponiert, sie lebt von Wortreihungen und mitunter Fragmentarischem. Ein tastender Stil, der eindringlich wirkt, jedoch hier und da am Rande des Manierierten balanciert.
Was in Buchenwald geschah, ist mittlerweile gut erforscht, ebenso die Rolle der kommunistischen Häftlinge. Viele von ihnen waren von der SS zu Funktionshäftlingen gemacht worden, im DDR-Erinnerungsnarrativ wurden sie jedoch als saubere antifaschistische Helden gefeiert und dienten als Bindeglied zwischen Erinnerungspolitik und sozialistischem Staatsprojekt. Bücher wie "Nackt unter Wölfen" (1958) des Buchenwald-Überlebenden Bruno Apitz, das durch Zensurschritte bis zur Vorlage bei Walter Ulbricht überarbeitet wurde, prägten dieses Narrativ. Die Realität war deutlich komplexer: Ehemalige Häftlinge berichteten, dass einige Funktionshäftlinge nicht nur zwangsweise Befehle der SS ausführten und in den Krankenbau des Lagers involviert waren, wo Selektionen und Tötungen, vor allem durch Giftinjektionen, stattfanden. Hinweise wie die niedrige Zahl der registrierten deutschen Kommunisten unter den rund 56.000 Lagertoten wurden in diesem Zusammenhang gedeutet.
Nach der Befreiung von Buchenwald - bei der sich kommunistische Häftlinge, die sich heimlich bewaffnet hatten, im April 1945 am Lageraufstand beteiligten und Wachposten entwaffneten - wurden die Funktionshäftlinge auf den "heiklen Grat zwischen Zwangssituation und Mordhandlung" (Geipel) überprüft. Zunächst im Rahmen des Buchenwald-Hauptprozesses der US-Armee 1947, später durch SED-interne Verhöre. Es folgten Parteibeschlüsse und politische Degradierungen. Zu den Betroffenen gehörte Walter Bartel, Vorsitzender des illegalen Internationalen Lagerkomitees. Nach Ines Geipel dienten diese Verfahren der Machtkonsolidierung in der frühen DDR: Die aus dem Moskauer Exil zurückgekehrte Parteiführung um Walter Ulbricht wollte sich gegenüber den Buchenwald-Kadern durchsetzen.
Geipel legt den Fokus auf DDR-internes Archivmaterial. Die meisten Arbeiten über Buchenwald stützen sich auf Überlebendenberichte oder US-amerikanische und westdeutsche Gerichtsakten. Von den umfassenden Akten, die die Stasi angelegt hatte, wusste die ostdeutsche Öffentlichkeit bis in die 1990er-Jahre nichts, Geipel nennt sie den sicheren "Erpressungsbestand gegenüber der eigenen Bevölkerung". Im Buch lässt sie unterhalb ihres eigenen Textes Auszüge aus den Quellen mitlaufen. Wie als wollte sie sagen, schaut her, es liegt alles da und eigentlich ist doch alles bekannt, ihr müsst nur hinsehen. Denn, und das ist vielleicht die zentrale Frage dieses Buches: "Warum hält es nicht, wo wir doch so viel wissen?" Es - was genau ist das?
Buchenwald, der Ort, an dem sich die verschiedenen Gewaltsysteme begegneten, wäre für sie der perfekte Ort für eine gedächtnispolitische Neubegründung des vereinten Deutschlands gewesen. Im Westen verlief die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, wenn auch spät, besser als im Osten. Trotz des "amnestischen Nachkriegsklimas", der zahllosen Davongekommenen und der starken Elitenkontinuität lassen sich deutliche Bruchlinien erkennen. In der DDR hingegen wurde Antisemitismus stets systematisch geleugnet. Der politische Antisemitismus der Ulbricht-Clique, so Geipel, hatte klar "Stalins antijüdische Paranoia als Hintergrund". Im Westen Kulenkampff und die anderen übertrieben fröhlichen Quizsendungen, im Osten die solidarische Opfergemeinschaft.
Aber warum wird die DDR noch immer verklärt? Diese Frage beschäftigt Geipel möglicherweise mehr als jede andere. Plausibel zieht sie die mimetische Theorie des französischen Kulturanthropologen René Girard heran: Girard weist in seinen Arbeiten wiederholt darauf hin, dass auf kollektive Gewalt ein "raumschaffender Mechanismus" folgt. Mythen entstehen demnach nicht im luftleeren Raum, sondern gehen aus realen Gewaltereignissen hervor. Nach der Tat wird jedoch der Kontext der Gewalt systematisch bereinigt: Zusammenhänge werden verwischt, der Mord aus seinem Kontext gelöst. So entsteht ein Vakuum, das es ermöglicht, das Geschehen neu zu deuten, umzucodieren und mit einer anderen, mythologischen Bedeutung zu versehen.
Die Abwesenheit des Realen am Beginn des Mythos? Als der Buchenwaldkomplex 1958 wieder eröffnet wurde, herrschte bei Bockwurst und Bonbons wohl mehr Jahrmarktatmosphäre als Betroffenheit, wie Geipels Quellen zeigen. Vor diesem Hintergrund wirkt ihre Frage, warum das Wissen über den Holocaust nach wie vor nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, nach der Lektüre dieses klugen und aufschlussreichen Buches, dem man viele Leser wünscht, fast wie eine rhetorische. Umfragen des World Jewish Congress zufolge können 71 Prozent der heute 18- bis 29-Jährigen nicht korrekt angeben, dass sechs Millionen Juden ermordet wurden. Ist es also wirklich so weit her mit dem behaupteten deutschen Schuldkult?
Was aber ist falsch an der deutschen Erinnerungskultur, die viele zu Recht als "Gedächtnistheater" beschreiben? Ebendas - ihre theaterhafte und ritualisierte Entleerung. Wenn die Katastrophe nämlich vor allem zur moralischen Selbstvergewisserung der Gegenwart herangezogen wird, droht sie zu verschwinden. In dieser Form des Umgangs berühren sich gegenwärtige und frühere Formen der Vergangenheitsbearbeitung - auch wenn die Vorzeichen und Bedingungen glücklicherweise völlig andere sind.
Ines Geipel, "Landschaft ohne Zeugen. Buchenwald und der Riss der Erinnerung". S. Fischer Verlag, 336 Seiten
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