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Besprechung vom 14.01.2026
Einer Priesterkaste geziemt es
Hermetik und Hermeneutik: Reemtsma über Benjamin und Goethe
Im Dezember ist das Buch bei Suhrkamp erschienen: Band vier der kritischen Gesamtausgabe der Werke Walter Benjamins dokumentiert seine 1924/25 zuerst gedruckte Studie zu Johann Wolfgang von Goethes Roman "Die Wahlverwandtschaften". Die Erstausgabe der Studie umfasste schmale 91 Druckseiten. Hundert Jahre später hat philologischer Fleiß zu einem Umfang von 1019 Seiten geführt - ein Denkmal, ein Epitaph. In der Berliner Akademie der Künste haben die Herausgeber Martin Kölbel und Ursula Marx sowie der Mäzen Jan Philipp Reemtsma, Autor des Nachworts zu einem 2007 erschienenen, auch schon fast 500 Seiten dicken Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft mit ausgewählten Schriften Benjamins unter dem Titel "Wahlverwandtschaften", die Edition jetzt vorgestellt.
Früh wird in den Vorstufen der Arbeit eine Patchworktechnik sichtbar, wie man sie bei Arno Schmidt wiedersehen wird, für den sich Reemtsma ebenfalls so nachhaltig engagiert hat. Auch Benjamin bastelt mit Schere und Klebstoff, schneidet auseinander und klebt die Ausschnitte anders wieder zusammen, am linken Rand eines Blattes. Das erzeugt keine Unordnung, sondern ermöglicht Umordnung. Lange vor Umberto Eco entsteht in Benjamins Praxis der Literaturwissenschaft oder Literaturkritik eine Vorstufe der Idee des für seine Erweiterung offenen Kunstwerks.
Weitere Wegmarken finden sich nach der ersten Niederschrift am Korrekturrand, jetzt ist es Zeit, die Gliederung zu prüfen. Die Technik markiert, Jahrzehnte vor den Computern, eine neue Schnittstelle zwischen Produzieren und Publizieren. Im nächsten Arbeitsschritt hält Benjamin das Inhaltsverzeichnis auf einem Extrablatt fest, unter dem Namen Disposition. Er hat das Typoskript diktiert, mindestens drei Schreibkräfte haben für ihn getippt. Der Essay erschien schließlich in zwei Teilen (im April 1924 und im Januar 1925) in der von Hugo von Hofmannsthal herausgegebenen Zeitschrift "Neue Deutsche Beiträge". Noch in der Drucklegung verfügte Benjamin, dass die Absatzüberschriften "nicht zur Veröffentlichung bestimmt" seien. Er wollte das Betriebsgeheimnis seines dialektischen Denkens nicht offenbaren.
Jan Philipp Reemtsma geht eigenen Lektürespuren nach, erinnert sich, an welchem Schreibtisch er im Jahr vor seinem Abitur saß. Sein Vortrag ist ein Werk der Faszinationsgeschichte, wie sie der Berliner Religionswissenschaftler Klaus Heinrich betrieben hat. Später philologischer Zweifel befällt Reemtsma, ob er Benjamins Werk damals in "irgendeinem akzeptierbaren Sinn des Wortes verstanden" habe. Späten Dank richtet er an seinen Deutschlehrer aus dem Jahr vor dem Abitur, der zu ihm und nur zu ihm sagte: "Lesen Sie Benjamin. Das ist was für Sie!"
Reemtsma unterzieht, beiläufig, wie es den Anschein hat, das ist seine Perfektion des Understatements, die mehr oder weniger unverschämten Absetzbewegungen der deutschen Kulturgeschichte gegenüber Goethe der Kritik. "Schon seit Goethes Lebzeiten gehörte eine aggressive Wendung gegen ihn und 'sein Weimar' zum Goethe- und Weimar-Kult untrennbar hinzu." Das schlägt den Bogen zu einem Traum Walter Benjamins, in dem er dem greisen Goethe beim Aufstehen von einer Tafel seinen Arm zur Stütze bietet. "Als ich seinen Ellenbogen berührte, begann ich vor Ergriffenheit zu weinen." Träume sind bekanntlich fehlerfrei und werden daher auch nicht redigiert.
Goethes "Wahlverwandtschaften" bleiben befremdend. Es gibt für ihre Lektüre nur ein Rezept: sie in hinreichend langen Abständen wieder aufzunehmen und die eigene Befremdung nicht zu unterdrücken. Dabei hat Goethe, wie Reemtsma spöttisch bemerkt, kräftig mit den Zaunpfählen gewunken, um seiner Leserschaft auf die Sprünge zu helfen.
Hofmannsthal gestand früh, "lange nicht alles" von Benjamins Studie verstanden zu haben. Sie ist ihrem Gegenstand kongenial. Reemtsma bringt Benjamins Handycap auf den Punkt: "Man interpretiert gewohnheitsmäßig Benjamin mit Benjamin." Typisch für Benjamin sind stilistische Gesten, die gerade keinen Fingerzeig zum verborgenen Gehalt des Textes geben. Reemtsma sagt das mit einem schlagenden musikalischen Vergleich: "Benjamins Texte beginnen oft mit einem Tusch, aber die Melodie, die dann folgt, hat mit diesem Tusch gar nichts zu tun. Gerade das macht häufig den Effekt. Die Sache wird enigmatisch." Rätsel erzeugende Apodiktik kennzeichne Benjamins Studie. Seine Gleichnisse seien "die Rettungsringe seiner Kommentatoren", wenn ihnen überhaupt der Strudel bewusst werde, der sie in der Lektüre erfasse. "Kein Gleichnis sagt, wofür es steht, so geht das hermeneutische Spiel."
Wer waren die Gegenspieler? Benjamin wollte nichts Kleineres als eine eigene Philosophie der Kunst begründen und so die Goethe-Philologie revolutionieren. Als Autorität, die er herausforderte, wählte er den in Heidelberg lehrenden Dichter-Philologen Friedrich Gundolf. Die von Benjamin verworfenen Exegeten der "Wahlverwandtschaften" erklärt Reemtsma zu "Repräsentanten der Sentenzen-Germanistik", die "nach Kalendersprüchen mit Weisheitsaura" gesucht habe. "Irritiert flüchtet man sich in Deutungstiefen."
Was irritiert an Goethes Roman? Reemtsma gibt die Antwort: Es gebe "bei Goethe die Seite des Tüchtig-Bürgerlichen, Zugreifenden, Gestaltenden - derlei predigt er -, aber fasziniert" - Reemtsma selbst führt die Heinrich-Vokabel ein, "war Goethe stets vom Anderen". Der Glutkern der "Wahlverwandtschaften" sei das Verhängnis. Dem Verhängnis sich interpretatorisch gewachsen zu zeigen, und gelinge es nur um den Preis, selbst hermetisch zu bleiben, das ließe sich als das hermeneutische Verdienst Benjamins verstehen. Er möchte in Reemtsmas Referat "der Düsternis des Romans entkommen, die er doch immer wieder - Mythos, Verhängnis, Dämonisches, Tod, Hoffnungslosigkeit - beschwört". Reemtsma bekennt sich zu seiner Faszination: Tatsächlich "ist aber diese Düsternis das Anziehende".
Reemtsma stiftet philologischen Trost, der neben dem tausendseitigen Monument sämtlicher Emendationen und Selbstkorrekturen des Goethe-Kommentators Benjamin, das der Suhrkamp-Verlag in die Buchhandlungen geschickt hat, kühn wirkt, fast vermessen: "Man darf, um solchen Texten gerecht zu werden, sie nicht Satz für Satz zu entziffern suchen." HANS HÜTT
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