Hervorragend recherchiert, aber zu lang, zu faktenlastig und die Figuren zu flach. Hätte atmosphärischer und stimmungsvoller sein können.
Ich lese historische Romane besonders gerne, wenn sie mir nicht nur eine Geschichte erzählen, sondern eine vergangene Epoche wirklich spürbar machen. Das gelingt Marie Lacrosse in "Montmartre - Licht und Schatten" über weite Strecken gut.Man merkt beim Lesen, wie gründlich die Autorin recherchiert hat. Vor allem zu Beginn wird die Stimmung des ausgehenden 19. Jahrhunderts sehr lebendig vermittelt. Besonders interessant fand ich dabei die Widersprüche innerhalb der damaligen Gesellschaft: Einerseits wurden von Frauen Sittsamkeit, Frömmigkeit und ein möglichst tadelloses Auftreten erwartet. Andererseits zeigten sich Prostituierte und Kurtisanen ganz selbstverständlich bei öffentlichen Veranstaltungen, wobei ihre Kleidung sogar verriet, welchem Gewerbe sie nachgingen. Gleichzeitig hingen in den Häusern des Bürgertums Gemälde nackter Frauen. Diese Diskrepanz zwischen der nach aussen demonstrierten Moral und dem tatsächlichen gesellschaftlichen Leben wird sehr anschaulich dargestellt.Im Mittelpunkt des Romans stehen Valérie und Elise, deren Leben unterschiedlicher kaum sein könnten. Während Valérie in einer wohlhabenden Familie aufwächst und ihrer Leidenschaft für die Malerei nachgehen möchte, lebt Elise in Armut und muss den ganzen Tag für einen Hungerlohn schuften. Gerade dieser Gegensatz war sehr interessant zu lesen, weil beide Frauen zwar mit den Einschränkungen ihrer Zeit kämpfen, ihre Ausgangslagen aber völlig verschieden sind.Obwohl das Buch rund 600 Seiten umfasst und man entsprechend viel Zeit mit den Figuren verbringt, bleiben sie erstaunlich wenig ausgearbeitet. Ich kenne ihre Lebensumstände, ihre Träume und die Ereignisse, die ihnen widerfahren, aber ihre eigentlichen Charaktere könnte ich nicht beschreiben. Valérie, Elise und auch all die anderen Figuren haben für mich deutlich mehr Persönlichkeit und emotionale Tiefe gebraucht.Da die Malerei Valéries grosse Leidenschaft ist, wird ausserdem sehr ausführlich über Kunst, Maltechniken und verschiedene Künstler gesprochen. Grundsätzlich passt das natürlich zur Geschichte und vieles davon fand ich durchaus interessant. Wer sich allerdings nicht für Malerei interessiert, könnte sich dabei ziemlich langweilen, denn dieses Thema nimmt einen sehr grossen Teil des Romans ein. Ausserdem wurden mir die vielen Begegnungen mit berühmten Persönlichkeiten irgendwann zu viel des Guten. Natürlich ist es spannend, bekannte Namen aus der Kunstszene wiederzuerkennen, aber irgendwann wirkte es beinahe so, als müssten möglichst viele Berühmtheiten noch irgendwo in der Geschichte auftauchen. Bei historischen Romanen wünsche ich mir trotz aller Recherche etwas mehr Fiktion, schliesslich möchte ich einen Roman und kein Sachbuch lesen. Im weiteren Verlauf ging die anfänglich starke Atmosphäre der Belle Époque zunehmend verloren. Die Erzählung wurde immer nüchterner und faktenlastiger.Überhaupt gibt es kaum Action oder überraschende Wendungen. Das muss bei einem historischen Roman nicht automatisch etwas Schlechtes sein, wenn dabei die Atmosphäre und die Stimmung der dargestellten Epoche gut vermittelt wird und die Charaktere ausgebaut sind, was ja hier leider nicht der Fall ist. Für eine derart handlungsarme Geschichte ist das Buch meiner Meinung nach schlicht zu lang. Man hätte denselben Inhalt problemlos auf ungefähr 400 Seiten erzählen können.Insgesamt handelt es sich bei diesem Buch um einen sehr gut recherchierten historischen Roman, der die gesellschaftlichen Gegensätze seiner Zeit interessant darstellt. Für eine höhere Bewertung war mir die Geschichte jedoch zu langatmig, zu faktenlastig und bei der Ausarbeitung der Figuren zu oberflächlich.