
Besprechung vom 02.03.2026
Lazarus in Harlem
Krimis in Kürze: Richard Price, Michael Idov, Ken Jaworowski
Lazarus heißt der Mann, den Jesus laut Johannesevangelium von den Toten auferweckt haben soll. "Lazarus Man" (S. Fischer, 400 S., geb., 26,- Euro) nennen die Medien Anthony, der im gleichnamigen Roman von Richard Price nicht in einer Höhle beerdigt, sondern beim Einsturz eines Mietshauses in East Harlem zwei Tage lang in einem Hohlraum unter den Trümmern verschüttet war. Ein arbeitsloser Lehrer und ehemaliger Kokser um die vierzig, den seine Frau verlassen hat und der sich nun berufen fühlt, von seinem Wunder zu sprechen, weil er Gottes Hand gespürt habe, während andere in den Trümmern ihr Leben verloren.
Anthony, der auffällig eloquent und eingängig seine Erweckung beschreibt, ist einer von vier Protagonisten, aus deren Alltag, deren Sorgen und Beziehungen Price das anschauliche, tiefenscharfe Panoramabild eines Viertels entwirft, das schwer erschüttert ist. Wir folgen dem naiven jungen Fotografen Felix, der tief in der großen Staubwolke des Einsturzes etwas Merkwürdiges aufgenommen hat, der Polizistin Mary, die nach einem seit dem Unglück verschollenen Mann fahndet, und Royal, dem Bestattungsunternehmer, dessen heruntergekommenen Laden auch dieses Ereignis nicht wieder auf Kurs bringt.
Price, der eine Reihe erstklassiger Drehbücher ("Clockers", "The Wire") und nicht minder gute Romane geschrieben hat, besitzt ein fabelhaftes Gehör für die Alltagssprache und die verschiedenen Milieus, seine Beschreibungen von Menschen, ihren Eigenheiten, Gefühlen und Träumen sind schonungslos genau, aber voller Mitgefühl. Er braucht nicht viel Plot noch Sex und Crime, ihm reichen Kleinkriminalität, Betrug und Selbstbetrug für einen unbedingt lesenswerten New-York-Roman.
Auch Michael Idov, in Lettland noch unter sowjetischer Besatzung geboren, längst Amerikaner, ist nicht nur Roman-, sondern auch ein erfahrener Drehbuchautor, und man erkennt das daran, wie filigran und souverän er seinen vertrackten Spionagethrillerplot anlegt. "Das Riga-Komplott" (Suhrkamp, 329 S., br. 17,- Euro) beginnt mit der erzwungenen Landung einer türkischen Passagiermaschine in Belarus. Um welchen Passagier an Bord es dabei geht, ist jedoch nicht so klar, wie es scheint. Dann wird das als Medienagentur getarnte CIA-Büro in Riga überfallen, sein Leiter Ari Falk überlebt; vor der portugiesischen Küste geht ein sehr reicher Geschäftsmann mit russischen Wurzeln über Bord, und seine Tochter in Los Angeles bricht auf, um dem mysteriösen Selbstmord nachzugehen.
Weitere Details zu verraten, wäre unfair. Es gibt genreübliche Schauplatz- und geschickte Perspektivwechsel, auch eine beinahe melodramatische Liebesgeschichte fehlt nicht. Jede Hypothese, die man beim Lesen entwickelt, muss schnell wieder verworfen werden, weil Idov nach dem leicht variierten Matrjoschka-Prinzip arbeitet: Kaum einer der Akteure ist, der er zu sein vorgibt, und in jeder Agenda ist eine weitere verborgen. Ein starker Thriller, der auch sprachlich deutlich über dem durchschnittlichen Krimisound liegt.
Aus New York und aus der großen Agentenwelt in den Kleinstadtkosmos führt "What About the Bodies" (Pendragon, 238 S., br., 24,- Euro), der Roman von Ken Jaworowski, Redakteur der "New York Times" und Autor von Theaterstücken. Es geht um das, was der Titel andeutet: um die sprichwörtlichen oder realen Leichen, die eine(r) im Keller hat. Auch Jaworowski erzählt aus mehreren Perspektiven, so erschließt sich aus der Sicht dreier Ich-Erzähler ein größerer Weltausschnitt. Die Wege der drei Hauptfiguren kreuzen sich im fiktiven Locksburg zwangsläufig.
Bei Carla, der alleinerziehenden Mutter, die vom eigenen Restaurant träumt, und ihrem nerdigen Sohn Billy, der am M.I.T studiert, liegt das Problem im Garten. Der autistische Reed, den sein älterer Bruder loswerden will, möchte seiner gerade verstorbenen Mutter noch etwas ins Grab mitgeben. Liz hat einen Loser-Freund und Schulden bei einem fiesen Gläubiger. Sie träumt von einer Karriere als Singer-Songwriterin in Nashville, obwohl es in dem Kaff kaum jemand in die nächstgelegene Großstadt Philadelphia schafft. Jaworowski zeigt ein Amerika, wie man es aus Songs von Bruce Springsteen kennt, er erzählt mit diesem lakonischen Short-Story-Ton - nicht originell, aber sehr lebendig und gekonnt. PETER KÖRTE
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