An welchem seidenen Faden das Leben hängt, wird hier deutlich - und hinterlässt beim Leser Spuren ...
Oder: Alles nur Zufall und am Ende regiert die Entropie die Welt respektive das Universum? Es geht HOCH her in diesem Roman von Juli Zeh: Quantenphysik trifft auf Multi- bzw. Schichtenwelten, Individuen auf multiple ICHs, Raum und Zeit fügen sich zum "Raum-Zeit-Kontinuum" und bilden einen "Zeitschaum", in dem sich Wahrheiten und Wahrscheinlichkeiten relativieren und Sein und Schein kaum noch einen Unterschied machen- und über allem führen die Zufälle Regie. Das klingt zunächst recht komplex. Ist es auch. Hier wird allerdings nicht Physik zu einem unüberwindlichen Hindernis, sondern sie dient der Romanhandlung als Korsett, als Möglichkeit, einem Thema Inhalt und Reiz zu geben. Und das gelingt meisterlich, in einer metaphernreichen, blumigen Sprache, hinter der selbst die Altmeister dieser Kunst, wie T.C. Boyle oder Heinrich Steinfest, zu verschwinden drohen. Auch wenn es gelegentlich eine Windung zu viel wird, wie das folgende Beispiel zeigt: "Die zurückweichende Nacht wirft Farbbomben an den östlichen Himmel; dazwischen Wolkengraffiti, dass die Sonne bald von den Wänden des anbrechenden Tages gewaschen haben wird." Solche kleinen Ausrutscher werden von Sätzen zum Verschwinden gebracht, die einen Nachklang erzeugen, so eindringlich sind, dass man nicht umhinkommt, einige Sekunden innezuhalten, um dem Geschriebenen eigenen Gehalt zu geben: "Ein Leben reißt so leicht. Etwas schlingert, gerät aus der Spur, und schon ist aus drei Menschen [Familie] einer geworden, und den gibt es auch nur noch zur Hälfte. [...] Wer sterben will, muss vollständig sein, dachte der Kommissar, denkt der Kommissar." Dies ist kein Schreibfehler, sondern die Möglichkeit die ICHe (den Beobachter im Kopf) des Kommissars unter einen Hut zu bringen. Darunter ein Neuroblastom, dass sich als inoperabel erweist, und somit dem Geschehen eine weitere zwiespältige Nuance verleiht.Ansonsten kämpfen die beiden Freunde (seit Kindheitstagen) auf verschiedenen Ebenen ihren freundschaftlichen Kampf, der mit der Zeit allerdings in eine Rivalität mündet - mit einem entsetzlich (missverstandenen) Versuch. An welchem seidenen Faden das Leben hängt, wird hier deutlich und hinterlässt auf jeden Fall den Wunsch, manch eigene Rivalitäten (und seien es solche mit der eigenen Person) noch einmal zu überdenken.(18.6.2023)