Mehr als nur ein Roman, zeitlose Sozialkritik
Die arme Bauernfamilie Joad wird von der Bank aus ihrem Zuhause geschmissen. Wir folgen der Familie mehrere Monate lang, in denen sie auf der Suche nach Arbeit nach Kalifornien zieht und bittere Erfahrungen sammelt.Der grössere soziale Kontext wird dabei immer wieder beleuchtet, so dass es sich genau so gut um eine Dokumentation handeln könnte.Viele Persönlichkeitstypen und gesellschaftliche Mechanismen kommen mir aus dem echten Leben sehr bekannt vor, auch wenn ich Jahrzehnte später lebe -der Beweis, dass Steinbeck die Menschheit beobachtet und verstanden hat, anstatt nur Klischees und Moralvorstellungen seiner Zeit zu bedienen.Die ganze Handlung isteigentlich ein bitteres Trauerspiel. Man lässt sich aber von der Hartnäckigkeit der Figuren ansteckenund glaubt wie diese an ein besseres Morgen. Dazu kommen die Anspielungen des Autors auf einen Aufstand der Armen, den man beim Lesen herbeisehnt. Aufgelockert wird das Ganze immer wieder durch komische kleine Episoden, z.B. Wenn die Kinder zum ersten Mal eine WC-Spülung bedienen und denken, sie hätten die Toilette kaputtgemacht.Die Nebenfigur Noah ist mein liebster Charakter. Er ist offensichtlich Neurodivergent (auch ohne dass es das passende Etikett damals schon gegeben hätte), und wird von seinen Eltern eher aus einem Schuld- und Pflichtgefühl heraus freundlich behandelt als aus Zuneigung. Dies spürt er und verlässt die Familie ziemlich früh im Buch, ohne dass dies in der Familie merkliche Spuren hinterlässt. Und trifft damit vermutlich von allen die klügste Entscheidung.Gerade weil es viele weitere Anspielungen auf die Bibel gibt, glaube ich nicht, dass der Autor den Namen Noah zufällig gewählt hat. Noah beteiligt sich nicht an den Streitereien, Träumereien und Machtspielchen seiner Umgebung und wird als anspruchslos beschrieben. Er erhebt sich damit moralisch über seine Mitmenschen und erleidet vermutlich nicht dasselbe Schicksal wie diese - wie der biblische Namensvetter. Das nur eine von vielen Figuren, über die man lange philosophieren könnte.Der Einblick in diese erfundene, aber realistische Familie unter der Great Depression ist lehrreich, und ich kann sehr gut verstehen, weshalb das Buch einen hohen Stand in der US-Amerikanischen Kultur hat.