Eine begnadete Geschichtenerzählerin erzählt von einer begnadeten Geschichtenerzählerin
Bei "Eva Luna" fällt mir die Bewertung erstaunlich schwer: Ursprünglich war ich bei 3 Sternen, aber während ich darüber nachgedacht habe, was ich genau schreiben soll, kam ich immer mehr zu dem Ergebnis, dass ich dem Roman damit vielleicht nicht gerecht werde. Deshalb wohlwollende 4 Sterne ;)Isabel Allende versteht es, mich als Leserin mit ihrer ?blumigen, poetischen, manchmal aber auch erstaunlich geradlinigen Sprache, viel Atmosphäre und liebevoll ausgearbeiteten Figuren einzulullen. Das macht über weite Strecken wirklich Freude, sich in die Beschreibungen zu versenken.Zum Inhalt: Eva begegnet den unterschiedlichsten Menschen und gerät in immer neue , sich episodische aneinanderreihende Lebenssituationen. Parallel dazu wird die Geschichte Rolf Carlés erzählt wird. Irgendwann kreuzen sich die Wege der beiden Protagonisten.Nach dem ersten Drittel begann mein Lesefluss allerdings zu stocken: Die eigentlichen Episoden waren mir zu unverbunden. Auch der Umgang mit manchen Nebenfiguren wirkte auf mich etwas holprig: Menschen wie Evas Mutter oder Professor Jones sterben und scheinen damit fast aus der Geschichte aussortiert zu werden, damit eine neue Episode beginnen kann. Im Nachhinein frage ich mich allerdings, ob genau darin nicht auch die besondere Konstruktion des Romans liegt: Eva Luna ist schließlich ein Buch über das Geschichtenerzählen selbst: Allende, selbst eine begnadete Geschichtenerzählerin, erzählt von einer begnadeten Geschichtenerzählerin. Dazu gehört, dass die Protagonistin verschiedenen Menschen und ihren Geschichten begegnet und dann weiterzieht. Vielleicht ist also das, was ich als Schwäche empfunden habe, die besondere Stärke des Romans?Vom politischen und gesellschaftlichen Hintergrund hatte ich mir etwas mehr Tiefgang erhofft, obwohl der natürlich das Leben der Romanfiguren prägt. Insgesamt merkt man dem Roman an, dass er schon ein paar Jahrzehnte auf dem Rücken hat. Er prägt das Leben der Figuren, bleibt für mich aber stärker Kulisse als Gegenstand des Romans. Das Gesellschaftsbild ist natürlich nicht automatisch mit der Haltung seiner Autorin gleichzusetzen, auch wenn es ihr Schreiben bestimmt prägte.Ich finde, dass ist ein Fehler, der häufig begangen wird. Wenn man den Autoren nicht zugesteht, dass auch Ansichten, die für uns heute befremdlich oder gar fragwürdig sind, einen Platz in ihren Büchern behalten dürfen, dann nimmt man den Werken auch Authentizität und den nachfolgenden Generationen, die sie lesen, die Chance diese Vergangenheit zu reflektieren.Also: "Eva Luna" ist ein Roman, der mich während des Lesens nicht durchgehend gefesselt hat. Aber interessanterweise wird er besser, je länger ich über ihn nachdenke: sprachlich schön, atmosphärisch und voller Geschichten und Figuren, die Allende mit großer Erzählfreude zum Leben erweckt.Nach der letzten Seite war ich bei drei Sternen. Während ich darüber schreibe, bin ich mir da schon nicht mehr so sicher. Macht euch selbst ein Bild ...