Franz Kafka hat gefordert "man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch?" Han Kangs Menschenwerk ist so ein Buch. Ein Buch wie ein Faustschlag; voller Ungerechtigkeit, Verlust und Schmerz. Aber vor allem: ein Buch über Verantwortung. Die Verantwortung, sich mit dem zu beschäftigen, was uns da beißt und sticht, persönlich wie gesellschaftlich. Das Gesellschaftsbild, das Han Kang dabei Zeichnet, ist kein erbauliches; das Buch dringt tief in die Abgründe des Menschseins vor, verspricht wenig Heilung und bietet noch weniger Antworten. Aber: es bietet Fragen. Die Autorin selbst formuliert sie in ihrer bewegenden Poetologie Der goldene Faden wie folgt: "Kann die Vergangenheit der Gegenwart helfen? Können die Toten die Lebenden retten?" Diesen Fragen und ihren Umkehrungen spürt Han Kang so lange nach, bis sie sie zwar nicht gelöst, sich aber durch die Arbeit daran selbst verändert hat. Dabei gelingt ihr die narrative Quadratur des Kreises: Durch seine ungewöhnliche und dadurch zunächst artifiziell wirkende Erzählweise kann der Text das ihm zugrunde liegende rohe Gefühl umso direkter an seine Lesenden weitergeben, schafft durch diese Distanz intensive Nähe und macht so greifbar, wie eine ähnliche Veränderung auch bei uns aussehen könnte. Dazu noch einmal Kafka: "Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, [...] ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns." Diese Axt heißt Empathie und niemand schwingt sie besser als Han Kang.