Der baskische Autor Fernando Aramburu, der in Deutschland lebt, wählt eine Tragödie, die in einer Kleinstadt in der Nähe von Bilbao im kollektiven Gedächtnis der Menschen geblieben ist, zum Ausgangspunkt seines Romans. Dieser basiert auf dem realen Unglück, als 1980 in einer baskischen Schule bei einer Gasexplosion 50 Kinder im Grundschulalter und drei Lehrer starben. Mit seinem Roman trägt er dazu bei, dass diese Tragödie unvergesslich bleibt.Aramburu greift isoliert das Schicksal einer Familie heraus, und erzählt, wie der Verlust des Sohnes und Enkels das Leben seiner nächsten Angehörigen verändert hat und wie diese auf sehr unterschiedliche Weise versuchen, ohne den Jungen ins Leben zurückzufinden. Diese eine Familiengeschichte, die m.E. fiktiv ist, steht zugleich für alle Familien - für jeden Angehörigen aller gestorbenen Kinder, da jeder in ein neues Leben nach dem Verlust seines Kindes finden muss.Der Roman ist aufgebaut aus sehr kurzen Kapiteln, in denen eine Erzählstimme berichtet, die manchmal von der Mutter Mariaje abgelöst wird. Sie erzählen die Geschichte der Katastrophe und ihrer Folgen viele Jahre später. Neben diesen gibt es eine dritte Erzählstimme, in Form von zehn Einschüben in kursiver Schrift, in denen der Text selbst berichtet. Dies soll ein sachliches und distanziertes Schreiben fördern und Pathos aus der Erzählung nehmen, bringt jedoch keine neuen und unbedingt nötigen zusätzlichen Informationen.Die Familie, über die Aramburu schreibt, besteht aus drei Personen, den Eltern Mariaje und José Miguel und dem Großvater Nicasio, der ein sehr enges Verhältnis zu Nuco hatte. Alle drei gehen auf sehr unterschiedliche Weise mit dem Tod Nucos um. Der Großvater baut sich seine eigene Welt durch Verdrängung der harten Wirklichkeit. Er lässt Nuco in seiner Phantasie und in seiner Welt weiterleben, er spricht mit dem Enkel nicht nur auf dem Friedhof, sondern auch auf den "gemeinsamen" Spaziergängen und lässt sogar dessen Kinderzimmer abholen und bei sich einbauen.José Miguel, der Vater, sieht für sich nur eine Lösung, wieder eine lebenswerte Wirklichkeit zu erreichen. Er möchte so schnell wie möglich wieder ein Kind und hat sich darauf so fixiert, dass die zwanghaften und vergeblichen Versuche, ein Kind zu zeugen die Gefühle bei Mariaje in Ablehnung und Kälte ihrem Ehemann gegenüber umschlagen lassen.Mariaje reagiert ganz anders, zeigt eher Gefühlskälte, härtet ab und will keine Erinnerungen im Haus, nicht über den Tod sprechen und sich eine neue Zukunft schaffen, indem sie wieder arbeitet und ein neues Leben aufbaut. Selbst spricht sie davon, dass die nicht abgehärtet, sondern erstarrt ist. Das ist ihr Selbstschutz, um weiterleben zu können.Mit jeder dieser Personen empfindet der Leser großes Mitgefühl, der Autor macht deutlich, dass Trauer und Schmerz sich in den unterschiedlichsten Formen äußert. Im weiteren Verlauf des Romans erfährt man viel über frühere Eheprobleme und andere Schicksalsschläge der Familie. Die kurzen Kapitel und die Anschaulichkeit der Figuren, ihrer Gefühle und ihres Verhaltens, machen den Roman trotz der großen Tragik leicht lesbar. Am Ende erkennt der Leser, dass unendliche Trauer sich in den unterschiedlichsten Verhaltensformen äußern kann und dies nichts über die Intensität der Trauer aussagt.Nach der langen Zeit, die seit dem Unglück vergangen ist, ist es Aramburu mit diesem Roman gelungen, dass es unvergessen bleibt.