Die große Arktis-Expedition von Sir John Franklin liegt im wahrsten Sinne auf Eis. Die beiden Schiffe, die Erebus und die Terror, sind von Eis eingeschlossen und können weder vor noch zurück. Und das nicht erst seit einigen Tagen, sondern über mehrere Jahre. Zudem ist Franklin selbst bereits tot und das Ziel der Reise, die legendäre Nord-West-Passage scheint in so weite Ferne gerückt wie noch nie.
Schwindende Vorräte, eine unzufriedene Crew und ein Wesen auf dem Eis zwingen die beiden Kapitäne, die Schiffe aufzugeben und ihr Glück auf dem Eis der Arktis zu versuchen. Doch wie weit kommt man ohne Nahrung, wenn einem ein Monster im Nacken sitzt?
Die Suche nach der Nord-West-Passage war im 19. Jahrhundert eines der Abenteuer, denen sich Abenteurer und Offiziere immer wieder stellten. Für die königliche Navy war es ein Prestige-Objekt, weswegen man Sir John Franklin sogar aus dem Ruhestand wieder in den Dienst rief, hatte er doch bereits an mehreren Arktis-Expeditionen teilgenommen. Die unglückliche Expedition gibt bis heute Rätsel auf und lädt zu Spekulationen ein. 130 Männer zogen in den hohen Norden und nicht ein einziger kehrte zurück.
Simmons ist kein Unbekannter, und er hat sich offensichtlich eingehend mit der Materie für diesen Roman beschäftigt. Persönlich wäre mir am Ende des Buches eine Namensliste willkommen gewesen, denn auch wenn einige Namen der Besatzung dem Nebel der Zeit stand gehalten haben, die Mehrzahl tat es nicht.
Ob die Geschehnisse, die Simmons hier beschreibt, sich tatsächlich so abgespielt haben werden wir vermutlich nie erfahren. Es dauerte Jahrzehnte, bis man das erste der beiden verschwundenen Schiffe fand und nur eine Handvoll Tote wurden bis heute geborgen. Das Gros der Männer ist für immer verschwunden, was bis heute Rätsel aufgibt.
Was belegt ist, beschreibt Simmons. Meines Wissens wurden beide Logbücher geborgen und die meisten Geschehnisse in diesem Roman haben sich laut ihnen auch so abgespielt. Einige andere Dinge wurden dazu gedichtet, was aber nicht schlimm ist, denn sie ergeben Sinn in der trostlosen Lage, in der die Mannschaften sich befanden.
Wir können uns jetzt darüber streiten, ob das Monster tatsächlich das war, was Simmons in seinem Buch beschreibt eine Art Semigottheit, oder ob es dieses Monster tatsächlich gegeben hat. Tatsache ist, dass wohl ein Teil der Männer jagenden Eisbären zum Opfer fielen. Eisbären sind die einzigen Säugetiere, die aktiv Jagd auf Menschen machen, eine Tatsache, die auch im Roman mehrfach betont wird und der Wahrheit entspricht meines Wissens.
Was ebenfalls eine Tatsache ist ist der beschriebene Kannibalismus, dem zumindest einige Männer der Crews frönten gegen Ende. Ob sie aktiv Besatzungsmitglieder getötet haben, um diese anschließend zu schlachten wie sehr eindringlich beschrieben, ist meines Wissens unklar. Angesichts anderer Fälle von Kannibalismus ist aber wohl eher davon auszugehen, dass die besagten Männer tote Kameraden konsumierten.
Wenn es um die Konserven geht, die beide Schiffe im großen Rahmen mit sich führten, so wurden an gefundenen, noch verschlossenen Dosen Tests durchgeführt, die darauf schließen lassen, dass der Inhalt entweder bereits vor Verzehr verdorben war oder durch die Art der Aufbewahrung, sprich der Konserven selbst, langsam vergiftet wurden. Meines Wissens wurden in einigen der gefundenen Leichen sehr hohe Bleiwerte festgestellt.
Was ich persönlich von diesem Roman halte? Ich denke, er wird mich noch eine ganze Weile beschäftigen, denn teilweise ging er mir persönlich sehr nahe. Anfangs hatte ich einige Schwierigkeiten, in die Handlung einzufinden ich erinnere, mein persönliches Problem mit Geschichten, die in der Präsenz geschrieben sind -, doch dieses Problem löste sich bald durch die unterschiedlichen Erzählwinkel und -personen.
Simmons erschafft hier Menschen, keine Heroen. Er beschreibt Menschen mit ihren Stärken und Schwächen und lässt sie wachsen oder auch nicht. Er beschreibt Schicksale, die anrühren, weil man als Leser mit den Personen hinter den Namen mitfühlt. Man ist entsetzt, wenn eine der Figuren ermordet wird oder zum Sterben ins Eis wandert und sich irgendwo niederlässt. Man möchte schreien, sucht nach Gerechtigkeit, die es nicht gibt und fühlt die Verzweiflung dieser Männer, die nur eines wollen: lebendig wieder nach Hause zu ihren Familien zurückkehren. Das ist die große Stärke dieses Romans. Simmons konzentriert sich nicht auf den bekannten Namen, sondern gibt dem Steward oder dem Maat einen Charakter, haucht einem bloßen Namen Leben ein, gibt ihm eine Geschichte.
Was den übersinnlichen Anteil des Romans ausmacht, so ist dieser nicht sonderlich hoch. Das Monster bleibt über sehr lange Zeit ein einziges Fragezeichen, und die letztendliche Erklärung könnte noch immer auf einen einfach zu großen Eisbären hindeuten. Sicher, gegen Ende des Romans entfaltet sich die Handlung etwas esoterisch und phantastisch. Aber warum nicht? Es gab eine gute Gelegenheit, zumindest einen Überlebenden der Expedition zu haben. Noch dazu einen Charakter, dessen Leidensgang man als Leser von der ersten Seite an mitverfolgt hatte. Zumindest ich gönnte ihm dieses Schicksal und diese Entscheidung.
Was bleibt also zu sagen? Terror ist ein Roman, der unter die Haut geht. Das liegt aber zum großen Teil schon allein an der Thematik. Die Franklin-Expedition ist bis heute eines der großen ungelösten Rätsel und eine riesige Tragödie. Beidem wird dieser Roman gerecht. Für mich eine Hommage an all die gescheiterten Abenteurer und Expeditionen dort draußen, all die Tragödien, die nie ein echtes und zufriedenstellendes Ende gefunden haben.