Bremen um 1890. Eine Stadt im Aufbruch, wissenschaftliche Neugier liegt in der Luft und ferne Länder wecken große Träume. Schon nach dem Klappentext von Weserleuchten Aufbruch in eine neue Welt von Christiane Lind hatte ich erwartet, dass die Geschichte schnell Fahrt aufnimmt und die Reise nach Australien bald beginnt. Stattdessen richtet der erste Band den Blick zunächst ganz auf die Menschen und die Umstände, die zu dieser großen Expedition führen.
Im Mittelpunkt stehen zwei Frauen, die aus völlig unterschiedlichen Welten stammen. Emilie ist eine anerkannte Naturforscherin. Ihre Herkunft ist bescheiden, doch sie ist wissbegierig, ehrgeizig. Vieles von ihrem botanischen Wissen verdankt sie ihrem Mann, der ihr die Welt der Flora nähergebracht hat. Die Ehe selbst macht sie jedoch nicht glücklich. Ein tragisches Ereignis bringt schließlich die Entscheidung, diesen Lebensabschnitt hinter sich zu lassen. Eine Einladung des reichen Kaufmanns Jost Ostherloh führt sie nach Bremen. Dort soll sie gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern eine Expedition nach Australien vorbereiten und sogar als einzige Frau daran teilnehmen.
Ganz anders ist Louise aufgewachsen. Sie stammt aus gutem Hause und führt das Leben, das man von einer jungen Frau ihrer Stellung erwartet. Doch innerlich sehnt sie sich nach etwas anderem. Louise liebt das Zeichnen und träumt von einem freieren Leben jenseits der vorgegebenen Wege. Als sie Emilie kennenlernt, entsteht zwischen den beiden eine vorsichtige, zunächst zarte Freundschaft. Zwei Frauen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, finden langsam zueinander. Gleichzeitig wird diese Verbindung immer wieder auf die Probe gestellt.
Auch Louises Gefühle sorgen für zusätzliche Spannungen. Sie hat sich in Alexander Ostherloh verliebt. Ausgerechnet er soll jedoch ihre Cousine heiraten. Diese Situation verkompliziert ihr ohnehin schon schwieriges Ringen um ein selbstbestimmtes Leben.
Der erste Band konzentriert sich stark auf die Vorbereitung der großen Reise. Gespräche, Planungen und persönliche Entwicklungen nehmen viel Raum ein. Ich hatte gehofft, dass die Handlung bereits nach Australien führt. Stattdessen bleibt die Geschichte lange in Bremen und bei den organisatorischen Vorbereitungen der Expedition. Dadurch wirkt der Roman stellenweise etwas langatmig. Einige Passagen habe ich deshalb nur überflogen. Gleichzeitig legt die Autorin hier sichtbar das Fundament für alles, was noch kommen soll. Die Figuren werden sorgfältig aufgebaut, ihre Motive und Hintergründe erhalten Raum.
Gerade Emilie ist dabei eine interessante Figur. Ihre Herkunft, ihr Wissensdrang und ihr Ehrgeiz machen sie zu einer ungewöhnlichen Frau ihrer Zeit. Louise hingegen steht für den Wunsch nach einem anderen Leben, der hinter den gesellschaftlichen Erwartungen verborgen liegt. Ihre vorsichtige Annäherung bildet das emotionale Zentrum dieses Auftakts.
Fazit
Ein interessanter Beginn der Reihe mit zwei spannenden Frauenfiguren, der sich stark auf Figuren und Vorbereitung konzentriert. Stellenweise etwas langatmig. Ich hoffe, dass mit dem Aufbruch nach Australien im nächsten Band auch das Tempo und die Spannung deutlich zunehmen.