Ich bin ab der ersten Seite mitten drin in The Book of Witching. Die Atmosphäre ist aufgeladen mit einer mythisch-bedrohlichen Spannung. Ich werde sofort in die Szene durch eine beinah poetische Beschreibung der Natur und dem grausamen Fund, den eine Rangerin mit ihrem Hund im Jahr 2024 auf den Orkney-Inseln macht, hineingezogen. Dieser Auftakt packt mich augenblicklich.
Im zweiten Kapitel reise ich zurück in das Jahr 1594 und lerne Alison kennen. Ihre Figur basiert auf der realen historischen Person Alison Balfour, die damals tatsächlich als Hexe hingerichtet wurde. Fast wie ein böses Omen erscheint da der erste Satz, mit dem ich in diese Vergangenheit eingeführt werde, denn Alison erwacht vom Geruch des Feuers. Auch hier ist die Kulisse düster sowie beklemmend und ich spüre sofort, dass etwas nicht stimmt. Gleichzeitig macht mich die Autorin mit den sogenannten Triskelen und ihren Ritualen bekannt. Bereits hier erhalte ich eine Menge faszinierender Informationen über Alisons Alltag und das Leben auf der fiktiven Insel Gunn.
Schließlich begegne ich Clem in der Gegenwart im dritten Kapitel. Auch sie lerne ich erst in ihrem normalen Alltag kennen, ehe ihr Leben komplett aus den Fugen gerät. Sie erhält die Nachricht, dass ihre Tochter Erin mit schwersten Verbrennungen gefunden wurde.
C.J. Cooke baut die Geschichte auf zwei verschiedenen Zeitebenen auf. Alisons Handlungsstrang in der Vergangenheit ist in der intimen Ich-Perspektive geschrieben. Für mich ist das auch der stärkste und dichteste Part des gesamten Buches. Hier wird alles unglaublich atmosphärisch greifbar. Alison berührt mich als Figur stark, vor allem weil auf ganz schreckliche Weise dargestellt wird, wie wenig das Leben einer Frau damals wert ist. Es ist zutiefst erschreckend zu sehen, wie schnell Szenen und Worte verdreht werden, damit sie in das Weltbild der Kirche passen. Ich fühle Alisons traumatische Erfahrung intensiv mit, leide mit ihr und bewundere gleichzeitig ihren Mut und ihre Widerstandskraft.
Clems Gefühlswelt in der Gegenwart ist zwar ebenfalls unheimlich bedrückend und absolut nachvollziehbar, da der pure emotionale Horror durch die schweren Verbrennungen ihrer Tochter und den Kampf um ihr Leben im Krankenhaus dominiert, aber durch die Erzählform in der dritten Person werde ich mehr auf Abstand gehalten.
Dieser Unterschied spiegelt sich auch im Erzähltempo wider. Der historische Strang ist hochgradig dicht und rasant. Bei Clem ist es mir zwischenzeitlich etwas zu ruhig und phasenweise zu langatmig, besonders während der detaillierten Krankenhausszenen. Zu Beginn mag ich die steten Zeitsprünge sehr. Als es jedoch bei Alison aufgrund des Prozesses brutal, düster und auf vielen Ebenen grauenvoll wird, reißt mich der Wechsel zur Gegenwart immer wieder aus der Spannung heraus. Das wirkt manchmal wie ein Dämpfer. In den Momenten der Folter, die C.J. Cooke glücklicherweise detailreich, aber nie zu explizit beschreibt, ist dieser Wechsel allerdings auch eine Erleichterung, um emotional kurz durchatmen zu können.
Das große, verbindende Motiv über die Jahrhunderte hinweg ist die feste Mutter-Kind-Beziehung. Beide Frauen wollen ihre Kinder um jeden Preis schützen. Alison versucht, ihre Kinder vor der Gewalt und der Verbrennung zu bewahren, die ihnen unweigerlich drohen, weil ihre Mutter als Hexe angeprangert wird. Clem hingegen versucht unermüdlich, die Wahrheit herauszufinden und ihre verletzte Tochter vor dem Verdacht zu schützen, Schuld am Tod ihres Freundes und dem Verschwinden ihrer gemeinsamen Freundin zu sein.
Da es keinen allwissenden Erzähler gibt, bin ich komplett an die begrenzte Perspektive der beiden Mütter gebunden. Genau deshalb finde ich die kurzen Nebenstränge der beiden Kinder perfekt gesetzt. Sie geben der Geschichte die nötige Tiefe und fungieren als Zwischenstück, um die größeren Zusammenhänge begreifen zu können.
Trotz der enormen Grundspannung holt mich das Ende leider nicht komplett ab. Das titelgebende magische Buch und die genauen Regeln der Magie bleiben bis zum Schluss in einer Art Nebel gehüllt. Obwohl mir bewusst ist, dass dies die mystische Gothic-Atmosphäre unterstreichen soll, fehlt mir trotzdem ein klarer Bezug, der mir die Bedeutung des The Book of Witching besser verständlich macht. Daher empfinde ich Teile der Auflösung unbefriedigend.
Auch die Relevanz des Gegenwartsstranges erschließt sich mir im Großen und Ganzen nicht vollständig. Für mich bleibt der Vergangenheitsstrang das absolute Glanzstück dieses Buches.
Trotz leichter Kritikpunkte ist The Book of Witching für mich eine besondere Geschichte mit einer starken feministischen Note und einem Hexenprozess, der mir tief unter die Haut geht.
Fazit:
The Book of Witching ist eine atmosphärisch dichte und tragische Geschichte, die mich tief berührt und gleichzeitig mit offenen Fragen zurücklässt. Wer über ein paar erzählerische Nebelschwaden hinwegsehen kann, findet hier ein packendes Buch.