Langatmig
Bret Easton Ellis hat sich Zeit gelassen. Dreizehn Jahre nachImperial Bedrooms erschien 2023 mitThe Shardswieder ein Roman von ihm, den er zuvor als Fortsetzungs-Hörbuch über seinen Podcast veröffentlicht hatte. Wer diesen Autor seitUnter Nullverfolgt, weiß, was ihn ausmacht: die Kälte der Oberfläche, die spiegelglatte, gefühllose Prosa, die Leere als Kunstform. Von Los Angeles' wohlhabender Jugend, die sich mit Kokain und Bedeutungslosigkeit betäubt, erzählte er 1985 in einem Debüt von gerade einmal 188 Seiten. Es folgtenDie Regeln des Spielsund 1991American Psycho, das Skandalbuch, das bis heute mehr zitiert als gelesen wird. MitGlamoramatrieb er die Satire auf die Spitze, inLunar Parkschickte er sich selbst als Romanfigur durch ein Spukhaus, undImperial Bedroomsbrachte die Figuren ausUnter Nullals Gealterte zurück.The Shardsschließt nun den Kreis. Der Roman kehrt ins Jahr 1981 zurück, in Ellis' eigene Schulzeit an der Buckley School, und macht den Autor zum Ich-Erzähler seiner Jugend.Der Bret dieses Romans ist siebzehn, Abschlussjahrgang, Kind wohlhabender Eltern, die kaum präsent sind, unter Lehrern, die alles durchgehen lassen. Seine Freundin heißt Debbie, Susan Reynolds kennt er seit der siebten Klasse, und für deren Freund Thom, den Quarterback des Schulteams, hegt er sexuelle Gefühle. Nebenher gibt es Begegnungen mit Ryan, dem Footballspieler, und mit Matt, dem Außenseiter im Poolhaus dessen Eltern. Dann taucht Robert Mallory auf, der Neue, der bei seiner Tante in Century City lebt und eine dunkle Vorgeschichte aus Chicago mitbringt. Bret glaubt, ihn im Jahr zuvor im Kino beiShininggesehen zu haben, Robert bestreitet es, und die Clique nimmt ihn trotzdem auf. Zugleich beginnt in der Stadt der "Trawler" sein Unwesen, ein Serienmörder, der Jugendliche auf bestialische Art tötet und bald in Brets Nähe rückt. Nach und nach wird aus Neugier Verdacht, aus Verdacht Besessenheit und aus Besessenheit Paranoia.Am interessantesten ist der Roman dort, wo er von den Beziehungen seiner Figuren erzählt. Bret spielt den Freund, der er nicht ist. Er zieht Männer vor, gibt sich aber als heterosexuell aus, und Ellis fängt sehr genau ein, wie viel Kraft diese Verstellung im Los Angeles des Jahres 1981 kostet. Debbie weiß mehr, als sie zugibt, und arbeitet dennoch daran, das Bild des glücklichen Paares aufrechtzuerhalten. Susan und Thom, das Königspaar der Schule, sind längst nicht so fest gefügt, wie sie wirken, und Susan fühlt sich zu Robert hingezogen, was die Beziehung der beiden zerbrechen lässt. Und Robert selbst ist für Bret beides zugleich, Objekt des Begehrens und der Angst. Hier liegt der Kern des Buches: Was Bret nicht leben darf, verwandelt sich in Misstrauen. Ob Robert wirklich gefährlich ist oder nur so aussieht, weil Bret ihn zu sehr begehrt, muss der Leser selbst entscheiden, und das ist, zumal bei einem unzuverlässigen Erzähler, dem man nicht trauen kann, ein kluger Einfall. Die Erwachsenen, denen die Jugendlichen ausgeliefert sind, dienen als Kulisse: kalt, zynisch, allenfalls an Brets Ehrgeiz als Schreibender interessiert, wenn es ihnen nützt. Dazu kommen unzählige Verweise auf Songs und Filme sowie Zeitsprünge, die die Handlung nicht linear erzählen.Umso ärgerlicher ist, wie dieser Stoff ausgebreitet wird. Ein Roman über Verdrängung, über das Verschwiegene und Unaussprechliche, hätte Zurückhaltung als formales Prinzip gebraucht. Ellis tut das Gegenteil: Er schildert Sex, Partys, Autofahrten, Drogenabende, die Begegnungen mit Ryan und Matt, Brets Eifersucht, Sehnsucht und Angst in einer Opulenz, die nichts hinzufügt. Die Szenen kreisen um dieselben Empfindungen, kehren mit leichten Variationen wieder und werden bis in die letzte Regung beschrieben, ohne dass das Verständnis für Bret tiefer würde. Früher erzeugte Ellis seine Wirkung durch Auslassung, dieses Mal durch Anhäufung, und die Anhäufung nutzt sich ab. Ein Buch über Ungesagtes, das sich in Mitteilsamkeit verliert, ist eine Ironie, die der Autor kaum beabsichtigt haben dürfte.Das Ergebnis sind 736 Seiten, von denen zweihundert, vielleicht dreihundert zu viel sind. Zwar baut sich eine subtile Spannung auf, aber auf den ersten sechshundert Seiten gibt es Längen, die mich mehr als einmal am Vorhandensein eines Lektorats zweifeln ließen und für Ellis geradezu untypisch sind. Die Auflösung, die den Leser am Ende ohnehin mit Fragen zurücklässt (die Identität des Trawlers und die Wahrheit über Brets ganzen Bericht bleiben offen), nimmt gerade einmal fünfzig Seiten ein. Sechshundert Seiten Anlauf, fünfzig Seiten Sprung, und eine Landung, die mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet. Wer einwenden mag, die Mehrdeutigkeit sei Kalkül, dem gestehe ich die Absicht gern zu, aber Absicht ist noch keine Spannung.Ich trug das Buch seit Jahren auf meiner Wunschliste und habe es nun unmittelbar vor der Serie gelesen, die Ryan Murphy für FX adaptiert hat und die in Deutschland seit dem 6. August 2026 bei Disney+ läuft, wobei sich Ellis selbst als Mitschöpfer des Drehbuchs und Produzent beteiligt. Und hier muss ich erstmals bekennen, was ich so noch nie schreiben musste: Die Verfilmung lohnt sich mehr als die Vorlage. Die Serie verdichtet die Handlung, verzichtet auf das Ausschweifende und hält den Spannungsbogen, den der Roman über weite Strecken schuldig bleibt. Was auf dem Papier zerfasert, gewinnt auf dem Bildschirm Kontur und Tempo.Die Serie kann ich deshalb uneingeschränkt empfehlen. Der Roman ist dagegen leider kein Must-Read. Für Ellis-Komplettisten bleibt er ein interessantes Dokument, für alle anderen ist die Serie der bessere Zugang zur Geschichte.