Auch nach 200 Jahren noch originell und witzig
Wer nur den Film kennt, dem sei gesagt: Mit dem Buch hat dieser wenig zu tun. Während Tim Burton aus dem Stoff einen stilvollen Horrorklassiker wob, ist das Original eine herrliche Satire, geschliffen formuliert und mit einem so untrüglichen, ja zeitlosen Gespür für Pointen, dass es auch nach 200 Jahren die Leserschaft noch bei Laune hält. Ich lache wirklich nicht oft laut beim Lesen, aber bei Sleepy Hollow ist mir das gleich mehrfach passiert. Was aber auch an der gelungenen Übersetzung liegt, denn Eike Schönfeld hat ein ebenso feines Sprachgefühl wie Irving und weiß die Pointen stilgerecht zu setzen. Er orientiert sich an der bildhaften Sprache des 19. Jahrhunderts, ohne deren manchmal anstrengende grammatikalische Klimmzüge gedankenlos zu übernehmen. Elegant und gleichzeitig eingängig, wie ein Holzstich von Ludwig Richter, nur bei weitem nicht so zuckersüß.ATAK, der die hübsche Insel Edition illustriert hat, würde Richter dem, wie er sagt, "langweiligen Realismus" zuordnen, aber Richter war zumindest Zeitgenosse Irvings und daher zu seiner Zeit nicht ganz so langweilig. Niemand ist damals auf die Idee gekommen, den Vielstecher oder jemand anderen in Deutschland zu fragen, "Sleepy Hollow" zu illustrieren und so ist es die nächsten 200 Jahre geblieben. ATAK hat das völlig richtig recherchiert: er ist der Erste. Sein comichafter Stil leiht sich Motive der amerikanischen Volkskunst des frühen 19. Jahrhunderts und führt sie gekonnt ins 21.. Mich haben einige Elemente an die "Family Quilts" erinnert, mit denen vor allem in Amerika Familiengeschichte visuell überliefert wurde, fortgeschrieben (oder besser "fortgestickt") von einer Generation zur nächsten. Dazu passt auch die reduzierte Farbigkeit, die mit drei Druckfarben, Rot, Orange und Grün, sowie deren Überlagerungen auskommt. Eine drucktechnische Rarität ist übrigens, dass, wie im Farbholzschnitt, wirklich nur drei reine Sonderfarben ohne Rasterung verwendet werden, was die grafische Wirkung noch steigert. Ich finde sowas interessant."Sleepy Hollow" ist in den USA ungefähr so bekannt wie bei uns "Rotkäppchen". Ich hoffe, dass die erste illustrierte deutsche Ausgabe dieser herrlichen Geschichte hilft, hierzulande aus dem Schatten des (zugegeben guten) Films zu treten. Nach 200 Jahren hat sie es langsam verdient.