Es lässt sich kaum leugnen, dass Peggy Mädlers Roman "Selbstregulierung des Herzens" der diesjährige Musterbeitrag zur deutschen DDR-Literatur ist, da die Autorin, anstatt sich auf ein kleines, überschaubares Sujet dieser Epoche zu beschränken, ein opulentes Sammelsurium aus Geschichten zusammenträgt, das sich aus vielen kleinen Einzelschicksalen der handelnden Personen kunstvoll zusammenbaut. Als geografischer und erzählerischer Fixpunkt dient dabei ein kleines Dorf in der Nähe von Wandlitz, das im Laufe der Jahrzehnte zum Hintergrund oder vielmehr zur Bühne für eine Vielzahl von Figuren wird; hierbei erfahren die Leser zunächst einiges über die historischen Anfänge dieses Ortes, während am Ende folgerichtig auch der heutige Zustand thematisiert wird, doch dazwischen entfalten sich die eigentlichen Lebensgeschichten jener Charaktere, die in diesem Dorf zeitweise zu Hause waren und den unterschiedlichen Gesinnungen der damaligen Zeit sowie den starren staatlichen Anforderungen mal entsprachen und mal an ihnen scheiterten.Im Hinblick auf diese Gesinnungen zeichnet Mädler ein psychologisch facettenreiches Bild ihrer Protagonisten: Da ist Georg, der sich als pragmatischer Systemträger zeigt, während Mona als sensible Künstlerin nach individuellen Freiräumen sucht; Roland wiederum verkörpert den intellektuellen Zweifler, dessen spöttischer Geist sich bald radikalisiert. Aus diesen unterschiedlichen Haltungen erwächst eine fragile Konstellation zwischen den Figuren, deren Beziehungen zueinander stets von einer spürbaren Spannung durchzogen sind, die untrennbar mit ihrem jeweiligen Verhältnis zum alles kontrollierenden Staat verknüpft ist, wodurch Liebe, Freundschaft und Verrat in ständiger Abhängigkeit zur politischen Großwetterlage stehen. Besonders deutlich wird dies an Georgs Karriere verhandelt, dessen anfänglicher, fast euphorischer Glaube an eine fortschrittliche gesellschaftliche Umgestaltung durch die kybernetische Rechentechnik im Laufe der Jahre verblasst, sodass am Ende des Buches eine schwermütige Reflexion über seine eigene Vergangenheit und den hohen Preis seiner permanenten Anpassung zurückbleibt.Überhaupt müssen die Figuren einer schieren Vielzahl an gesellschaftlichen und politischen Anforderungen begegnen, was sich exemplarisch im enormen Druck des Staates auf Georg und seine Kollegen hinsichtlich des effektiven Einsatzes von Computern zeigt, aber auch im existentiellen Problem von Monas Kunst, die mit ihren Experimenten schlichtweg nicht den offiziellen Vorgaben des sozialistischen Realismus entspricht; ein repressiver Anpassungsdruck, der sich im Roman bereits bei den Bildern des Sohnes Jonas in der Schule widerspiegelt, wo das Kind nach massiver Rüge der Lehrerin gezwungen wird, seine kreative Individualität aufzugeben und fortan vorschriftsmäßig und linientreu zu malen.Obwohl Peggy Mädlers Roman ein nach wie vor beliebtes Thema im deutschen Literaturbetrieb aufgreift, lässt das Werk bei genauerer Betrachtung doch einiges an erzählerischem Wagemut vermissen. Dadurch, dass der Roman primär das große Ganze beschreiben will, liest er sich stellenweise leider wie eine bloße Zusammenfassung der wichtigsten und gängigsten Themen der DDR-Zeit wie Staatliche Überwachung, Republikflucht, Druck zur Konformität, Künstlerische Zensur und der "Wendeschock", wovon jedoch das meiste dem historisch interessierten Publikum bereits hinlänglich bekannt sein dürfte. Die Figuren und ihre Schicksale, die die Autorin für ihr Buch ausgewählt hat, sind zwar unbestreitbar interessant sowie plausibel gestaltet, und auch die von Mädler beabsichtigte, mosaikartige Gesamtwirkung kommt beim Leser durchaus an; jedoch entsteht bei der Lektüre zu selten ein echter Aha-Effekt, und ein wirkliches, tiefergehendes Interesse, sich nach dem Zuschlagen des Buches noch weiterführend mit dem Roman zu beschäftigen, bleibt am Ende leider aus. Somit erweist sich das Werk letztlich nicht als ein substanziell ergänzender Beitrag zur deutschen Erinnerungskultur, sondern vielmehr als eine solide, literarische Rekapitulation, weswegen das Buch vor allem Anfängern auf diesem Gebiet wärmstens zu empfehlen ist, während Leser, die bereits eine Vielzahl ähnlicher Texte und DDR-Romane gelesen haben, sich über weite Strecken hinweg wohl etwas langweilen dürften.