
Besprechung vom 02.03.2026
Das Grauen verbirgt sich immer im Wohnmobil
Wie viele Serienmörder verträgt der Markt? Der Norweger Ørjan N. Karlsson setzt in seinem Deutschland-Debüt auf Bewährtes. Aber da kommt noch mehr.
Die erste Tote liegt in einem ehemaligen Wehrmachtsbunker in der norwegischen Küstenstadt Bodø, Provinz Nordland, nördlich des Polarkreises. Und das am ersten Arbeitstag der neuen Ermittlerin, die der örtliche Kripobeamte Jakob Weber am Flughafen abholt. Noora Yun Sunde, "durch und durch Polizistin", hat also gar keine Zeit, anzukommen. Es geht gleich in die Vollen. Zumal kurz darauf eine junge Frau namens Iselin beim Joggen verschwindet. Und dann noch eine, die Influencerin "NatureLady", die unter den Digitalaugen ihrer 1,3 Millionen Follower zu einer Reise durch die Lofoten aufbrechen wollte. Auch sie kommt von einer morgendlichen Jogging-Runde auf der Insel Røstlandet nicht zurück.
Diese Ausgangslage könnte selbst eingefleischte Skandinavien-Krimi-Fans dazu bringen, Ørjan N. Karlsson einen guten Mann sein zu lassen. Schon wieder einen Serienmörder jagen, oder gar zwei? Dann lieber dreiunddreißig Brunettis am Stück. Dass man dabeibleibt, hat mit der Hauptfigur zu tun, über die man nur häppchenweise mehr erfährt. Etwa, dass Jakob Weber seine Lebensgefährtin Lise verloren hat, ein halbes Jahr bevor die Handlung einsetzt; dass eigentlich alles in ihm vorbei ist, auch wenn er mit seinem Hund Garm, einem Jack-Russell-Terrier, auf den Friedhof geht und dort immer wieder nachrechnet, dass Lise erst 41 Jahre alt war. Dass er Panikattacken hat und trotzdem weiter seinen Job macht.
Jakob Weber ist gründlich, denkt in alle Richtungen, geht nicht überhastet vor, ein solider Polizeiarbeiter fern der Metropolen, kein Großstadtneurotiker, aber auch keiner, der eine Moralbugwelle vor sich her schöbe. Wie er die vorsichtigen Avancen einer Journalistin nicht bemerkt, nimmt für ihn ein. Dann steht auch eines Tages noch sein Halbbruder vor der Türe, ein Teenager, dem verhassten Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Weber wusste nichts von der Existenz dieses Jungen und ist doch schlagartig in der Rolle des großen Bruders. Und warum sich Noora Yun Sunde - asiatischer Migrationshintergrund und bei der Bundespolizei in Oslo eigentlich auf dem Weg nach oben - ausgerechnet nach Bodø hat versetzen lassen, legt Karlsson auch ganz langsam frei. Dass sie mehr oder weniger geflohen ist, das allerdings erfahren wir früh.
Iselin verschwindet auf dem Keiservarden, dem Hausberg von Bodø, von dort aus hat man einen Panoramablick auf die 50.000-Einwohner-Stadt, die Meeresarme und die Lofoten. Karlsson nimmt den Leser mit durch die Stadt und das Umland, fast immer hält er sich dabei an den Stadtplan. Wer sich den Spaß macht, findet im Netz den Supermarkt in Røst, eine Informationsbörse für eingefleischte Insulaner, einen Ort, wo sich die Wege von Gut und Böse kreuzen, geöffnet von 9 Uhr an. Diese Kenntnis von Orten und Charakteren würzt die sprachlich solide Erzählung, dazu kommen noch schöne Details aus der Kriminalitätsstatistik - wie deutsche Schmuggler, die in ihren Wohnmobilen Hunderte Kilo gefrorenes Fischfilet außer Landes zu schaffen versuchen.
Der 1970 in Bodø geborene und dort aufgewachsene Ørjan Nordhus Karlsson ist hierzulande noch ein unbeschriebenes Blatt. Er diente in der norwegischen Armee als Offizier, hat einen Master in Soziologie, arbeitete für das Verteidigungsministerium und ist aktuell in Oslo als Abteilungsleiter in der Direktion für Katastrophenschutz tätig. Seit 2004 hat er diverse Kinderbücher, Science-Fictions und politische Thriller veröffentlicht, derzeit konzentriert er sich auf die Jakob-Weber-Reihe, die ihn international etablieren soll. Auf diesem Markt regiert aus norwegischer Sicht König Jo Nesbø, der mit 50 Millionen verkauften Büchern weltweit eine Marke ist. Und noch dazu eine, die immer wieder richtig überzeugende Ware liefert, wie zuletzt in dem geradezu unheimlich aktuellen Thriller "Minnesota" (F.A.Z. vom 2. Februar).
Fakt trift Fiktion: Nesbø und die Schauplätze seiner Bücher werden wie jene von Henrik Ibsen, Karl Ove Knausgård oder Maja Lunde von Visit Norway vermarket - so wie in Karlssons Roman auch die Influencerin, deren Reise von dem Tourismusverband unterstützt wird.
Der Auftakt der Jakob-Weber-Reihe ist im Original "Det siste stykket hjem" (Das letzte Stück nach Hause) überschrieben, in der deutschen Übersetzung wurde daraus "Kalt wie die Luft", wohl um in diesem Titeltrott weitermachen zu können. Darin offenbart sich ein gängiger Schematismus im Vermarktungsdenken, der dann doch wieder zum Autor passt. Denn auch der verzichtet eben nicht auf abgenutzte Versatzstücke des Genres, sondern geht auf Nummer sicher.
Dazu gehört ein kursiv gesetzter Prolog, der entweder aus Sicht des Opfers oder des Täters spricht. Karlsson hat sich für Zweiteres entschieden. Kursiv heißt also, der Böse ist wieder am Werk. Und so folgen wir dem Unbekannten in seinem Folterwohnmobil durch Nordnorwegen, wo er Tramperinnen aufgabelt, die er dann vergewaltigt und zu Tode filetiert. Parallel dazu zittern wir mit der starken Noora dem mit Droh-SMS-Nachrichten angekündigten Erscheinen ihres Peinigers aus Oslo entgegen, das sich dann von Seite 260 an zuträgt.
Man darf vielleicht Hoffnung haben, dass Karlsson das Pflichtfeld Serienmörder nun bestellt hat und sich in den kommenden Büchern originellere Plots einfallen lässt. Der zweite Band, "Dunkel wie die Nacht", soll bei Pendragon im Dezember folgen; in Norwegen sind bereits vier Bände erschienen. Die Sache scheint dort also zu laufen. Wenn es Karlsson gelingen sollte, die Figur des Jakob Weber pfleglich zu entwickeln, hat sie das Potential, Bodø dauerhaft auf der Krimilandkarte zu verankern. HANNES HINTERMEIER
Ørjan N. Karlsson: "Kalt wie die Luft". Jakob Webers 1. Fall. Thriller.
Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob und Maike Dörries. Pendragon Verlag, Bielefeld 2026. 368 S., br.
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