Manchmal reicht ein einziger schlechter Tag, um aus einem gescheiterten Journalisten einen ziemlich miserablen Bankräuber zu machen. Boyd Halverson ist so ein Kandidat. Früher gefeierter Starreporter, heute ein Mann, der mit sich selbst und der Welt ziemlich im Clinch liegt. Und plötzlich steht er in einer Bank, klaut eine lächerlich kleine Summe Geld und nimmt ausgerechnet Angie Bing als Geisel. Eine Frau, die offenbar absolut keine Lust hat, eine klassische Geisel zu sein.
Was dann folgt, ist weniger ein Thriller im klassischen Sinn und mehr ein ziemlich schräger Roadtrip durch eine Nation voller Selbsttäuschung, Lügen und schräger Gestalten. Boyd will eigentlich nur eine Rechnung begleichen. Mit der Vergangenheit, mit einem bestimmten Mann und wahrscheinlich auch mit sich selbst. Aber wie das so ist, läuft absolut nichts nach Plan. Angie hat ihren eigenen Kopf, die Verfolger werden immer unangenehmer und irgendwo zwischen Tankstellen, Motels und endlosen Straßen merkt man als Leser ziemlich schnell, dass hier nicht nur eine Flucht stattfindet.
Tim O'Brien schreibt bissig, klug und mit einem Humor, der manchmal trocken wie alter Bourbon ist. Boyd ist kein Held, eher ein tragikomischer Typ, der sich selbst im Weg steht. Genau das macht ihn so interessant. Man ertappt sich immer wieder dabei, den Kopf zu schütteln und gleichzeitig zu denken: Mensch, irgendwie verstehe ich diesen Kerl.
America Fantastica fühlt sich an wie eine Mischung aus Roadmovie, Satire und einer ziemlich ehrlichen Abrechnung mit dem amerikanischen Traum. Zwischen absurden Situationen, bitterer Selbstironie und überraschend leisen Momenten blitzt immer wieder etwas sehr Menschliches auf.
Kein klassischer Pageturner mit Explosionen und Verfolgungsjagden. Dafür ein verdammt kluges, unterhaltsames und manchmal ziemlich melancholisches Buch über Schuld, Stolz und die Kunst, sich selbst zu sabotieren. Und genau deshalb bleibt Boyd Halverson noch eine ganze Weile im Kopf hängen.