Bevor Die Waters erscheint, musste ich einfach noch Kerbholz lesen, das Buch, das schon viel zu lange wartete und nun die volle Aufmerksamkeit bekam! Was für ein großer Wurf!
April 1978. Es beginnt wie ein Tag-Albtraum, ein fürchterlicher freier Fall, in dem sich die Zeit ausdehnt, um sich dann mit dem fatalen Aufprall des Autos der Familie Chamberlain im wilden Fluss mitten in der Wildnis des neuseeländischen West Countrys wieder zu verdichten.
Zwei Reifenspuren im Schlamm, die in den fast unversehrten Schutzwall aus Büschen und Bäumen führten, sind der einzige Hinweis darauf, dass die Chamberlains je dort lang fuhren. Niemand wusste davon. Nach 5 Tagen Neu Seeland war die Familie verschwunden. Die Eltern und das jüngste Kind sterben, drei Geschwister überleben.
2010 werden die Überreste des ältesten Sohnes gefunden. Zusammen mit der Uhr des Vaters und einem Kerbholz. Fünf Jahre lang war Suzanne, die Tante der drei Kinder, immer wieder nach Neu Seeland gefahren. Für die Suche zahlt sie einen hohen Preis, ihre Ehe scheitert, ihre Karriere liegt brach.
Während Suzanne auf der Suche war, werden die drei ältesten Kinder gerettet, nicht wissend, dass sie bei Landbesetzern landen, die sie nicht gehen lassen werden.
Kerbholz ist Kondensator und episches Skript, Thriller und düsterer Familienroman, vor allem aber ein hochkomplexes Psychogramm. Der neuseeländische Busch ist greifbar, feuchter Dunst hängt über dem Fluss, der Gesang der Vögel klingt, die Natur drängt roh und ursprünglich in den Alltag auf der Farm. Vieles bleibt ungesagt, entsteht im Geiste zwischen Konflikten, Gewalt und Schrecken, Schönheit und Fürsorge.
Das Menschliche ist unausweichlich, die Charaktere überraschen an jeder Biegung, vereinen alle Facetten des Daseins in sich. Jede einzelnen führt ihre eigene Debatte über die Frage nach Freiheit und Zugehörigkeit, Leben in der Gegenwart und Sehnsucht nach Vergangenem.
Das Setting ist klug gewählt, denn dort, wo keine zivilisatorischen Zerstreuungen lauern, sind die Figuren schutzlos sich selbst ausgeliefert. Komplizierte moralische Fragen verleihen dem Horrorszenario aus Überlebenskampf und Verlust eine unwiderstehliche Sogwirkung. Kerbholz zieht hinein ins Hinterland, wir sitzen mit am Tisch, spielen Backgammon, spüren den Schmerz, trauern, hoffen, lieben, verzweifeln und verhandeln unsere ureigenen inneren und äußeren Grenzen.