Ein Roman für Romantiker, Rationalisten werde sich möglicherweise indigniert abwenden ...
Man könnte dieses Werk locker als kopfloses Süßholzgeraspel bezeichnen, und bei einem flatterhaften Überfliegen des Geschriebenen wäre diese Zuschreibung durchaus naheliegend. Wären da nur nicht die Gefühle, die durch die opulenten, wie feinsinnigen Beschreibungen von Duftbouquets ausgelöst werden - gerade auch im Zusammenhang mit dem größten Gefühl überhaupt: der Liebe: "Später dachte er manchmal, dass Düfte wie Schlüssel sein können und dass mache Türen in einem für immer versperrt und vergessen blieben, weil der richtige Schlüssel dazu nie gefunden wurde. Elenas Duft, das Gemisch aus afrikanischen Gewürzen, aus Rauch, aus kühlen und heißen Aromen wie hellgrüner Minze und glimmendem Heu, dieser Duft über und in und um ihren Kuss, dieser Duft war ein Schlüssel, der in August einen Raum öffnete, von dem er bisher nichts gewusst hatte."Kitschig, nicht wahr? Oder doch nicht? Wenn man sich in das Gesamtwerk vertieft und dabei diesen beiden Protagonisten zugeneigt ist (man kann sich der Zuneigung kaum erwehren), wird man es eher als eine Suche nach dem richtigen, dem passenden Gefühl sehen können. Ohnehin geht es um die besonderen, die außergewöhnlichen Gerüche, Gerüche, die in Farben und Bildern auftauchen oder als Geschmack - zumindest für jene, die diese Fähigkeit besitzen, wie dem genannten und den Düften wie der Liebe verfallenen ehemaligen Leutnant der kaiserlichen und königlichen Armee Österreich-Ungarns August Liebeskind. Wissenschaftlich wird dies Fähigkeit als kognitive Synästhesie bezeichnet.Wie seit längerem bekannt ist der Geruchssinn (unter Zuhilfenahme von Duftmolekülen) der einzige Sinn, der das limbische Gehirn ohne Umweg über den Thalamus ansteuert und dort unmittelbar die Gefühlswelt, die Emotionen in Schwingungen versetzt, das mag positiv ("Was für ein himmlischer Duft!") wie negativ ("Es stinkt!") ausgehen. Auch wenn wir hier nur über die vielseitigsten Düfte, in teils atemraubenden Kombinationen, zu lesen bekommen, so erzeugen sie doch beim Leser eine außergewöhnliche, teils berauschende Assoziationsspirale. Einfach schön.Einziger Wehrmutstropfen: Nach all den ab- und aufbauenden Beziehungsdramen will man eigentlich eine Lösung, die dem beim Leser hervorgerufenen Gefühl entspricht, und nicht eine neue Liebesgeschichte, die die ursprüngliche ersetzt, hören. Dafür war die in Duftkompositionen eingebettete "erste" Liebe einfach zu facettenreich. Nun gut, es wird hierdurch ein wenig Spannung erzeugt und damit der Frage nachgegangen, inwieweit Elena am Tod ihres Gatten zumindest mitschuldig war. Und der historisch verbriefte Brand im Ringtheater von Wien (mit mehreren hundert Toten) ermöglicht eine weitere Runde im leidenschaftlichen Duftgeflüster.Ein Roman für Romantiker, die Rationalisten werde sich möglicherweise indigniert abwenden. Aber die Zukunft gehört den Emotionen - und guten Geschichten, die das eigene Leben etwas leichter machen können.(24.7.2024)