Es ist dieser besondere, dieser unaufgeregte Sound der Erzählerin, die diesen Roman so außergewöhnlich werden lässt ...
Ein frisch gesetzter Baum, genauer eine Buche, wird zum Ausgangspunkt einer vielseitig verwobenen Geschichte, die von liebenswerten, aber auch etwas schrulligen Bewohnern einer "Bruchbude" getragen wird. Hinzu kommen: ein verschmähter Liebhaber (als Hintergrund), eine ehemalige Sopranistin (vermeintliches Opfer) und deren Freundin (Restaurantbesitzerin in vielfältigen Rollen), plus einer Vielzahl anderer Figuren. Darunter einige Leichen und einen ermittelnden Kommissar, der allerdings meist in einer Nebenrolle auftritt.Zwar ist "der Fall", den es zu lösen gilt, alles andere als simpel strukturiert, allerdings lässt er einen auch nicht atemlos werden (oft mäandert es so vor sich hin). Den besonderen Reiz bezieht die Geschichte aus der besonderen Wohnsituation und dem sich daraus ergebenden Zusammenspiel der Hauptfiguren. Es ist eine "Bruchbude", die zum neuen Refugium für drei mehr oder weniger mittellose Historiker wird, und zusätzlich einem impulsgebenden ausgemusterten Kriminalkommissar unterm Dach Unterschlupf bietet. Eine kuriose, zu intelligenten, aber auch schrägen Auseinandersetzungen neigende Mischung in "historischer" Schichtung: Unten, im ersten Stock, haust der Prähistoriker Mathias ("'Sein wacher Instinkt geht bis auf die letzte Eiszeit zurück.'"), darüber der Mediävist Marc (11. Jahrhundert; "[...] von mittlerer Größe, extrem schmal, mit eckigem Körper und Gesicht, wäre natürlich nicht der ideale Typ für die Jagd nach dem Auerochsen gewesen. Man hätte ihn eher losgeschickt, um auf Bäume zu klettern und das Obst herunterzuschütteln.") und schließlich, im dritten Stock, der Weltkriegshistoriker 14-18, Lucien ("'Er steckt so tief drin [im I WK], daß man sich fragen kann, ob er eigentlich weiß, daß er zu Ende ist.'").Oft läuft es ab wie in der Erdgeschichte. Ruhige Phasen werden von tektonischen Folgeerscheinungen (Erdbeben, Vulkanausbrüche) unterbrochen, die oft das Unterste zuoberst kehren: "Seine Gedanken schoben sich übereinander, knirschten und entfernten sich wieder voneinander. Wie die Platten der Erdkruste, die damit beschäftigt sind, auf dem glitschigen heißen Zeug darunter umherzurutschen."Es ist dieser besondere, der unaufgeregte Sound der Erzählerin, die diesen Roman so außergewöhnlich werden lässt. Man ist geneigt, nach Abschluss der Lektüre, noch einmal von vorne zu beginnen. Nicht, weil man unbedingt den Fall aus einer anderen (der kennenden) Perspektive betrachten möchte, sondern um den menschlichen Verstrickungen noch intensiver auf die Spur zu kommen.(17.4.2021)