Ein neues Buch von Bonnie Garmus lässt aufmerken. Eine Frage der Chemie fand ich großartig. Zu Peck & Peck kann man wahrscheinlich jede beliebige Meinung haben und triftig begründen.
Der Anfang ist sensationell gut geschrieben. Da wird die Jugend von Batter Gray beschrieben, so fesselnd, dass man sich in einem Buch von Donna Tartt wähnt. Er ist anders, ein Außenseiter, der Gedichte liebt und ein ganz besonderes Ohr für Poesie hat. Seine Eltern sind eigen und mit sich selbst beschäftigt, füttern ihn aber zuverlässig mit Heldengeschichten von Batter, dem wunderbaren Hund, nach dem er benannt wurde.
Wenn der ältere Batter dann einen Job bei der sagenhaften Lyrikzeitschrift Peck & Peck antritt, bekommt das Ganze Märchen-Charakter. Das Redaktionsgebäude ist ein nahezu magischer Ort, mitten in der Stadt, doch irgendwie versteckt, mit riesigen Glaskuppeln, Räumen voller bunter Vögel und einem unerschütterlichen Torwächter, der keine Poeten einlässt.
Salton Peck ist der tyrannische Herausgeber der Zeitung, der vorbildlich seine Untergebenen zusammenstaucht genau wie Ebenezer Scrooge in Dickens Weihnachtsgeschichte. Sein Bruder Declonius ist das Gegenteil, ein geheimnisvoller Weiser, eine graue Eminenz, ein Lyrikkenner, der leider nicht mit Geld umgehen kann. Die beiden sind verfeindet und kämpfen, jeder auf seine Art, um die Führung des Unternehmens. Kunst oder Kommerz, das Überleben echter Lyrik steht auf dem Spiel. Dahinein gerät Batter mit dem sagenhaften Instinkt für gute Gedichte, der im Keller den Kopierer bedient und das Übel von der Basis her bekämpft.
Das ist eine durch und durch ungewöhnliche Geschichte, fantasievoll, zauberhaft, spannend und sehr unterhaltsam. Nur wird hier auch gnadenlos alles überspitzt dargestellt, konsequent schwarz-weiß gemalt. Natürlich soll das den Literaturbetrieb persiflieren und tut es auch, nur sind die Mittel nicht gerade dezent. In Eine Frage der Chemie hat die Autorin das mit Humor ausgeglichen, der ist hier aber nur sehr leise. Ich habe das Buch sehr gerne gehört, mich dabei aber immer wieder gefragt, ob es nicht doch ein bisschen übertrieben ist.
Matthias Koeberlin liest das Hörbuch grandios und hat unendlich viele Stimmen im Repertoire, wechselt mit Leichtigkeit vom Kasernenhauston eines Salton Peck zur zerzausten Eleganz von Batters Mutter. Es dauert 16 Stunden, 59 Minuten und ist trotz einiger Vorbehalte doch ein Buch, das man gehört haben muss.