Luzia wächst im "Haus" auf, einem Schutzhaus für Menschen, die selbstgewählt ihre Beziehungen jenseits der Normen des gesellschaftlichen Mainstreams gestalten wollen, bewacht von den "Unsichtbaren", freundlichen Schutzgeistern. Luzia hat zwei Mamas und zwei Papas: einerseits die Freundinnen Mama Charlotte und Mama Lena, andererseits das schwule Männerpaar Jerome und Paul, und von wem sie biologisch abstammt, weiß sie gar nicht, lange hat das auch keine Bedeutung für sie. Alle Erwachsenen teilen sich Erwerbsarbeit und Care-Arbeit solidarisch und je nach ihren individuellen Möglichkeiten.
Dazu leben noch wechselnde andere Menschen im Haus: "Blue Boy", ein junger Mann mit einer wahrscheinlich tragischen Hintergrundgeschichte, Henrika, die mal ein Henrik war, ein paar weitere Kinder und ältere Menschen, die das Haus vor einigen Jahrzehnten ursprünglich als Schutzraum vor Männergewalt gegründet haben. Und dann gibt es Menschen, die Luzia erst einmal von außen begegnen, etwa Marle, die mit ihrer Zirkusfamilie vor kurzem zugereist ist, als Luzia eine Jugendliche ist, Somi, die sie später kennen und schätzen lernt, oder Menschen aus dem Theaterumfeld, in dem die erwachsene Luzia ihre eigenen, feministischen Stücke inszenieren wird.
Es ist ein freies und unkonventionelles Leben, das die Menschen im Haus da führen, doch auch nicht frei von Bedrohungen von außen, etwa, wenn mal wieder das Jugendamt kommt und wissen will, wie genau die Partnerschaften und Familienverhältnisse hier nun aussehen würden, aber auch nicht von Zerrüttungserscheinungen im Inneren. Manche tragen eine seelische Last, die schwerer ist, als sie dauerhaft aushalten können. Manche sehnen sich nach mehr Rückzug und Individualität, oder doch nach einer klassischen heterosexuellen Paarbeziehung.
Was hält zusammen, wenn alles zu zerbrechen droht? Sind Familie die, die füreinander Verantwortung übernehmen und einstehen, unabhängig von Blutsverwandtschaft oder Heirat? Was passiert, wenn sich etwas daran ändert?
Ich habe die Geschichte als Hörbuch, einfühlsam, nuanciert und abwechslungsreich gesprochen von drei talentierten Sprecherinnen, gehört, und kann es auch in dieser Form sehr empfehlen.
Mareike Fallwickl ist mit diesem Hörbuch ein unkonventionelles, sprachgewaltiges, sensibel erzähltes, vielschichtiges und differenziertes Meisterwerk innovativer Erzählkunst gelungen. In diesem Haus wird ein Miteinander fühlbar, das so für die meisten Menschen bisher nur eine weit entfernte Utopie oder Dystopie ist (je nach individuellem Standpunkt). Besonders gefällt mir, dass nichts klischeehaft ist und auch die Menschen in diesem Haus ganz einfach Menschen sind... keine Heiligen, keine perfekten Ideale, sondern Menschen mit ihren Besonderheiten, Liebenswürdigkeiten und Unzulänglichkeiten.
Auch Freundschaften können Härteproben ausgesetzt sein und auch queere Beziehungen können sich neuordnen oder gar zerbrechen und das alles hat Auswirkungen auf alle Beteiligten und ganz besonders auf involvierte Kinder... so wie in heterosexuellen Beziehungen auch. Und doch ist bei all dem, was auch schwer ist, in der Vergangenheit, die ihre langen Schatten bis in die Gegenwart wirft, genauso wie in der jeweiligen Gegenwart, so viel Liebe spürbar, so viel Verbundenheit, so viel Hoffnung, Füreinander-Einstehen und Miteinander.
Zeitlich springt das Hörbuch zwischen verschiedenen Zeiten hin und her, mal sind wir in der Gegenwart, dann wieder in Luzias Kindheit oder Jugend oder noch früher in der Zeit, in der das Haus gegründet wurde, vor Luzias Geburt.
Im Mittelpunkt der meisten Szenen steht Luzia, als im Haus geborenes und aufgewachsenes Kind, das dadurch so selbstverständlich mit einem anderen, neuen und selbstbewussteren Blick auf die Welt schaut als viele andere und sich weniger gefallen lässt: weder von Jugendcampleitungen, die Bodyshaming oder das Bloßstellen von Jugendlichen im Rahmen von pseudolustigen Teamspielen als normal ansehen noch diktatorische und misogyne Praktiken eines selbstherrlichen, machtbesessenen Theaterregisseurs in ihrem ersten Praktikum nach der Schule. Da zeigt sich: das Haus hat dazu beigetragen, aus Luzia eine selbstbewusste, eigenständig denkende und mutige junge Frau zu machen, die für sich und ihre Werte und Prinzipien, aber auch für Gerechtigkeit und andere Menschen einzustehen vermag.
Insgesamt ist "Haltet euch fest" eine spannend erzählte Geschichte, die gleichzeitig dafür sensibilisieren will, vieles von dem, was wir als "normal" anzusehen gelernt haben, zu überdenken, zum Beispiel:
- Warum räumen wir romantischen Beziehungen immer automatisch so einen Vorrang vor Freundschaften ein, wenn es um die Wahl unseres Wohnortes, unsere zeitlichen und finanziellen Ressourcen und vieles mehr geht?
- Warum wird eine Frau mit zehn guten Freundinnen, aber ohne romantischen Partner, von der Gesellschaft oft als einsamer betrachtet als eine Frau in einer Beziehung, aber ohne Freundschaften?
- Werten wir Freundschaften ab, wenn wir nach dem Ende einer Beziehung von "Freunde bleiben" sprechen? So als ob eine Freundschaft weniger Bedeutung hätte als eine romantische Beziehung?
- Wenn wir davon sprechen, dass Kleidung vorteilhaft sei, wessen Vorteil meinen wir? Doch selten den der Trägerin und so gut wie nie geht es darum, sich darin besonders wohlzufühlen? Was macht es mit uns, wenn wir schon früh darauf trainiert werden, dass es wichtiger sei, wie wir aussehen, als wie wir uns fühlen?
- Wie können wir friedlichere, freundschaftlichere Gesellschaftsmodelle gestalten und wie gehen wir damit um, wenn auch diese ihre Unzulänglichkeiten haben, so wie alles?
- Wo beginnen Utopien, wo enden sie und wo gibt es Hoffnung für positive Veränderung?
Ja, es ist ein wichtiges, mutiges, unkonventionelles Hörbuch. Eines, das genauso unterhält wie tief berührt und weiterbildet, zum Mitfühlen und Nachdenken anregt. Aber auch eines, das Konzentration braucht, gerade aufgrund der vielen Zeitsprünge und das deshalb in konzentrierten Momenten gehört werden sollte... es eignet sich weniger als manch andere Geschichten dazu, nebenbei etwas anderes zu tun, zu viel Relevantes ist sonst schnell verpasst. Wer sich beim Hörbuch-Hören also nicht so ganz konzentrieren kann oder will, der greife lieber zur Printausgabe.
Jedenfalls kann ich es all jenen Lesenden, die offen für queere Beziehungen, unkonventionelle Lebensweisen und erfrischende neue Gedanken dazu sind, sehr empfehlen.