Alle sieben Jahre feiert das oberhessische Bergenstadt den sog. Grenzgang: ursprünglich ein traditioneller Verwaltungsvorgang, der die Grenzmarkierungen der Stadt sichern solle und der sich im Lauf der Zeit zu einem großen mehrtägigen Volksfest entwickelte. Eine wichtige Rolle kommt hierbei dem Mohren zu, der in einer malerischen Uniform den Zug anführt, und es gilt als glücksbringend, von ihm umarmt zu werden.
"Er umarmt Leute?" Frau Tomasi sieht ihn an, als hätte er dasselbe gerade mit ihr versucht.
"Männer und Frauen?"
"Auch Kinder, alle."
"Ob sie wollen oder nicht."
"Natürlich wollen sie!
Seit einigen Jahren gerät die Rolle des Mohren bzw. das sog. blackfacing zunehmend in die Kritik.
Aus dieser Gemengelage heraus konstruiert Thome seinen Roman, mit dem er an seinen Erstling Grenzgang anschließt. Vorkenntnisse sind allerdings nicht nötig, weil der Autor eine eventuelle Vorgeschichte unauffällig in kurze Rückblenden verpackt.
Die Figur des Mohren spaltet die Geister. Ist eine solche Figur noch politisch korrekt? Auch im Roman schaltet sich die Presse ein, unterstützt von externen Gruppierungen, und befeuert die Diskussion. Die Stadt spaltet sich in zwei Lager, und mittendrin steht der Bürgermeister, der für die Sicherheit des Grenzgangs verantwortlich ist und zugleich um seine Wiederwahl besorgt ist. Die Diskussion um die Figur des Mohren wird in Thomes Roman vertieft in die Frage, wie man heute mit Traditionen umgehen kann, erst recht mit solchen, die hinfällig geworden sind. Diese Frage weitet Thome aus und führt vor, wie auch traditionelle Familienstrukturen und auch andere soziale Strukturen in Bewegung geraten sind und neue Verhaltensmuster einfordern. Und da auch in Bergenstadt Flüchtlinge untergekommen sind, bekommt die Bezeichnung Grenzgang nicht nur eine weitere Bedeutung, sondern auch eine gewisse Brisanz.
Der Grenzgang besteht daher nur vordergründig aus dem Abwandern der Stadtgrenzen, sondern wir erfahren Grenzgänge zwischen Kulturen, zwischen Tradition und Aktualität, zwischen patriarchalischen Strukturen und Gleichberechtigung, zwischen Gewohntem und Neuem, zwischen Moral und Tradition, und auch Grenzgänge innerhalb der sexuellen Ausrichtung sowie Grenzgänge zwischen gesellschaftlichen Entwicklungen und dem Althergebrachten.
All diese Themen fächert Thome in seinem Mikrokosmos Bergenstadt auf und führt sie dem Hörer vor, immer gebunden an einzelne Protagonisten, und ohne jeden Lösungsvorschlag. Damit erhält der Roman einen deutlich appellativen Charakter: wo positioniere ich mich als Leser?
Thome ist ein scharfer Beobachter und vor allem ein begnadeter Erzähler. Das Lesen/Hören seiner Bücher ist für mich ein reines Vergnügen, inhaltlich und auch sprachlich. Jeder Satz sitzt, Andeutungen erschließen komplexe Sachverhalte, die Dialoge sind pointiert und wirken trotzdem immer natürlich. Perfekt.
Das Hörbuch wird eingelesen von unterschiedlichen, hoch professionellen Sprechern; eine sehr gute Idee, die die unterschiedlichen Perspektiven verdeutlicht.
Hör-Empfehlung!