Ich wünschte, ich hätte dieses Hörbuch nie angefangen
TW: Kindesmissbrauch, Gewalt, Selbstverletzung, Suizid, Depression, EssstörungHandlung:Ich stelle hier mal ausnahmsweise den Klappentext rein: "Jude, JB, Willem und Malcolm: Vier New Yorker, die sich am College kennengelernt haben. Jude St. Francis, brillant und enigmatisch, ist die charismatische Figur im Zentrum der Gruppe - ein aufopfernd liebender und zugleich innerlich zerbrochener Mensch. Immer tiefer werden die Freunde in Judes dunkle, schmerzhafte Welt hineingesogen, deren Ungeheuer nach und nach hervortreten.[...]"Selten so einen unwahren Klappentext gelesen. Jude ist weder brillant, noch charismatisch, noch aufopfernd liebend und seine Freunde werden auch nicht in seine dunkle Welt hineingezogen, weil er sie gar nicht ranlässt. Das hier ist der Anfang einer sehr langen und sehr negativen Rezension, buckle up. Meine Meinung:Ich habe mich über so viele Dinge aufgeregt an diesem Hörbuch. Fast 34 Stunden meines Lebens habe ich verschwendet.Wie immer bin ich etwas spät dran, der große Hype um dieses Buch ist ja schon gut 9 Jahre her und ich wusste eigentlich nur, dass es sehr traurig sein soll.Tatsächlich fängt es gar nicht traurig an und ich liebe den Sprecher Torben Kessler, der auch meine heißgeliebter Joel Dicker Romane liest.Man bekommt recht schnell mit, dass Jude eine dunkle Vergangenheit hat, aber es dauert recht lang, bis man Details erfährt. Anfangs ist auch nicht klar, dass er der eigentliche Protagonist ist, und man verbringt viel Zeit damit, sich Dinge über andere Figuren zu merken, die dann komplett unwichtig sind. Szenen mit ihnen werden aber lang und breit erzählt, sodass man glaubt, dass das irgendeine Relevanz hat. Ich habe mit Jude einfach sehr viele Probleme: Was ihm wiederfahren ist, ist an Grausamkeit kaum zu übertreffen und natürlich habe ich deswegen Mitgefühl mit ihm. Aber auch das hat Grenzen: Er trifft in einer Tour falsche Entscheidungen und er weigert sich, in Therapie zu gehen, was aber wirklich WIRKLICH notwendig wäre. Dass er sich keine Hilfe holt, dass er so tut als müsste es so sein, macht mich wütend, er suhlt sich richtig in seiner Opferrolle. Ich muss aber sagen: Dieses "sich seinem Schicksal ergeben" stört mich generell an Leuten, das liegt nicht nur an diesem speziellen Buch. Noch mal zum Klappentext: Ich hab mich die ganze Zeit gefragt, warum Jude eigentlich so tolle Freunde/Familie hat. Ich finde ihn schwierig, verschlossen, schwer zugänglich. Wann war er denn mal für seine Freunde da? "Aufopfernd liebend", come on: Er macht für seine Freunde doch nicht mal die Basics, nämlich ihnen die Angst um ihn nehmen. Aufopfernd liebend sind alle um ihn herum und ich habe bis zum Ende nicht verstanden, warum eigentlich. Er macht mich so wütend. Er ist so egoistisch, wie er einfach nicht bemerkt, dass sich sein Verhalten auf andere Menschen auswirkt. Und dass alle ihn trotzdem so lieben und retten wollen und supporten - es ist zum Kotzen. Der Helferkomplex von so mancher Nebenfigur ist schon pathologisch. Ich hab mal wo gehört, ich glaube es war in "Tote Mädchen lügen nicht": "You can't love someone back to life". Wie oft Jude sich entschuldigt in diesem Buch, ist echt kaum zu fassen - und trotzdem macht er immer wieder dieselben Dinge (Selbstverletzung, Lügen), und alle verzeihen ihm immer wieder. Es war wahnsinnig frustrierend zu hören, wie sich so viele Menschen so lange um ihn bemühen, und dennoch nicht gegen seinen Selbsthass ankommen. Die Geschichte zieht sich uuuunglaublich in die Länge (das Buch hat immerhin 960 Seiten). Ich war mehrmals davor, abzubrechen, aber ich wollte dann doch wissen, wie es ausgeht und sonst hätten sich die bis dahin ja auch schon vielen Stunden noch verschwendeter angefühlt. Und tatsächlich passiert gar nicht mal so viel, das hätte man locker auf die Hälfte einkürzen können.Das Buch hätte ganz ganz dringend ein paar Triggerwarnungen gebraucht. Ich habe ja wirklich schon so einiges gehört an Thrillern, Psychothrillern, Horror - aber die Intensität, mit der der Missbrauch hier geschildert wird, ist echt verstörend. Und damit meine ich gar nicht die Details, das ist es nicht. Es ist die Anzahl der Übergriffe, und dass sich das Erzählen darüber über so viele Stunden hinzieht, und dass es immer schlimmer wird. Es ist, als würde man selbst langsam depressiv, wenn man dieses Buch liest. Es wird einfach nur das Leid zur Schau gestellt, aber es dient eigentlich keinem Zweck. Irgendwo habe ich den Begriff "trauma porn" gelesen, das trifft es echt gut, finde ich.Dann wirkt es auch noch extrem unrealistisch, in was für einer abgehobenen Bubble die Freunde leben. Der eine ein berühmter Schauspieler, der andere ein Staranwalt, der dritte ein berühmter Künstler, der vierte ein berühmter Architekt, alle stinkreich. Come on. Man erfährt auch nichts darüber, wie die Welt sich in den immerhin 30 (!) Jahren, über die sich das Buch erstreckt, verändert hat oder in welcher Zeit wir überhaupt genau sind. Die ganze Geschichte passiert irgendwie völlig losgelöst vom Rest der Welt.Außerdem hat mich gestört und verwundert, wie eine Frau ein 960 Seiten dickes Buch schreiben kann, in dem so gut wie keine Frauen vorkommen. Der Bechdel-Test würde das Buch auch nicht bestehen. Allerdings war das vielleicht der Grund, dass ich mich noch etwas besser von dem ganzen Leid distanzieren konnte: Wäre Jude eine Frau gewesen, hätte ich glaube ich abbrechen müssen.Ich habe gelesen, dass die Autorin keine Recherchearbeiten in der queeren Community betrieben hat, was ich echt schon fast frech finde, wenn man so ein Buch schreibt. Anscheinend hat sie auch gesagt, dass sie "nicht an Psychotherapie glaube". Das ist keine Glaubensfrage, meiner Meinung nach, und eine echt problematische Aussage. Denn genau das hätte Jude gebraucht, und zwar vom Teeniealter an: Eine Psychotherapie. Dann hätte er vielleicht eine Chance gehabt, sich selbst anzunehmen und in weiterer Folge wirklich "ein wenig Leben" zu bekommen. Auch, dass die Autorin für das Cover das Bild "Orgasmic Man" gewählt hat, finde ich richtig schlimm. Angeblich weil es Schmerz und Ekstase verbindet - und das bei Judes Geschichte? Echt jetzt?Den Titel verstehe ich übrigens auch immer noch nicht, denn eigentlich ist das "gar kein Leben", was Jude da hat.Mich hat das Hörbuch echt sehr runtergezogen, aber ich konnte nicht aufhören, weil ich unbedingt wissen wollte, wie es ausgeht. Mit dem Ende bin ich dann nach dem ganzen Drama doch zufrieden, muss ich sagen.Nun frage ich mich nur, was ich da eigentlich gehört habe und wie das auch nur einer Person auf dieser Welt gefallen kann. Die Botschaft, dass man sein ganzes Leben nur mit Leid füllen kann und nie aus dieser Spirale rauskommt, hätte ich persönlich nicht gebraucht.Fazit: 0/10 ¿ Das Buch wird mich noch lange beschäftigen, aber nicht auf eine gute Art und Weise. Ich wünschte, ich hätte es nie angefangen.