Ein wunderbar nachvollziebarer Einstieg in die Gedankenwelt der Simone de Beauvoir
Frau de Beauvoir schildert empathisch die Zwangssituation ihrer besten Freundin Andrée (Zaza) und das geschieht fast unmerklich, aber dadurch wirkt es um so eindringlicher. Die erste Begegnung der beiden, als sie gerade mal 9 bzw. 10 Jahre alt sind, ist zunächst von einer Unbeschwertheit und einer Lebensfreude getragen, dass man gar nicht auf die Idee kommt, die Wolken am Himmel zu sehen. Je älter die beiden jedoch werden, desto klarer tun sich die Zwänge auf, unter denen besonders Andrée zu leiden hat und desto deutlicher schildert die Autorin, wie unüberwindlich die Welt für ihre Freundin wird. Da kommt ein derartig giftiger Cocktail zusammen, der tödliche Wirkung erzielt. Gesellschaftliche Zwänge, Traditionen, Macht der Familie, die Religion, die Rolle der Frau prasseln auf ein Mädchen ein, dessen Hoffnung auf nur ein bisschen Selbstbestimmung und Freiheit so nachhaltig zunichte gemacht werden, dass es schmerzt, es geschildert zu bekommen. Das alles kleidet die Autorin nicht in eine Anklageschrift, sondern dieses lähmende Gefühl entsteht durch ihre bildhafte Erzählung. Dieser Sog, der sich bei dem Leser einstellt, ist beeindruckend. Der Text ist bereits 1954 von Frau de Beauvoir erstellt worden, er zeigt klar, was für ein schriftstellerisches Talent in ihr steckt.Der einzige Punkt, der mir in ihrem Roman nicht behagt, ist die Art, wie die 9- und 10jährigen Mädchen miteinander reden. Dabei geht es mir nicht darum, dass sie sich bis an ihr Lebensende siezen, wobei das französische "vous" noch eine Spur eine andere gesellschaftliche Bedeutung hat als unser deutsches "Sie", nein, dieser Punkt ist es nicht, er ist eher geeignet, wie eine Art Glasscheibe zwischen den beiden zu fungieren und damit indirekt die trotz aller Vertrautheit und gegenseitiger Liebe vorhandenen Unterschiede zu symbolisieren. Es geht mir vielmehr über den Sprachgebrauch dieser Kinder, bei denen auffällig ist, dass sie wie Erwachsene reden. Diese Form der Darstellung lässt sich für meine Begriffe durchaus nicht einfach damit erklären, dass die Autorin diesen Roman aus der Sicht einer Erwachsenen schreibt. Es hätte sie nicht viel Mühe gekostet, entweder die ersten Begegnungen dieser Kinder auch in kindlichere Sprache zu kleiden oder eben diese Zeit einfach rasch zu durchlaufen, um dann die Heranwachsenden sprechen zu lassen. Dabei möchte ich nicht missverstanden werden, Kinder von neun oder zehn Jahren können durchaus fragen:Was ist der Sinn des Lebens?Warum müssen wir glauben, was die Erwachsenen sagen?Was ist richtig und falsch?Warum gibt es Gott?Warum dürfen Jungen Dinge, die Mädchen nicht dürfen?Was bedeutet Freiheit?Warum müssen wir sterben?Gerade sehr intelligente, sprachlich entwickelte oder stark lesende Kinder können solche Fragen erstaunlich früh stellen.Was allerdings etwas anderes ist, ist die Art, wie sie darüber sprechen. Ein Kind könnte etwa sagen: "Wenn Gott alles weiß, warum lässt er dann zu, dass Menschen böse sind?" Das wäre für eine aufgeweckte Zehnjährige durchaus vorstellbar.Wenn aber ein Kind einen Gedanken über mehrere Gesprächsschritte logisch entwickelt, differenziert, abstrahiert und sprachlich elegant formuliert, klingt das schnell nicht mehr nach einem Kind, sondern nach einem Erwachsenen, der sich an seine kindlichen Gedanken erinnert. Diese Unausgewogenheit im Sprachgebrauch der beiden Kinder ist also etwas irritierend gewesen. Trotzdem ein unbedingt empfehlenswerter Roman, der viel über die Autorin und über philosophische Themen aussagt.