Wenn die Vergangenheit zur Erklärung werden soll: Geht besser!
Wie sehr bestimmen die Erfahrungen unserer Mütter und Großmütter unser eigenes Leben? Und lässt sich das eigene Unglück tatsächlich verstehen, wenn man die Schicksale der vorherigen Generationen rekonstruiert? Pauline Hatscher greift in ihrem Debütroman "Über vier Leben" eine durchaus reizvolle literarische Idee auf: Anhand der Lebensgeschichten von vier Frauen einer Familie versucht sie, generationsübergreifende Traumata und deren Auswirkungen auf die Gegenwart sichtbar zu machen. Ein interessanter Ansatz, dessen Umsetzung mich allerdings nur bedingt überzeugen konnte.Im Zentrum des Romans steht Mirabell, eine intelligente junge Frau Mitte zwanzig, die unter erheblichen Bindungsängsten leidet und sich zunehmend mit ihrer Einsamkeit konfrontiert sieht. Auf der Suche nach den Ursachen ihrer psychischen Belastung beginnt sie, gemeinsam mit ihrer Psychotherapeutin die Geschichte ihrer weiblichen Vorfahren aufzuarbeiten. Dabei richtet sich ihr Blick zunächst auf ihre Mutter Sabine, anschließend auf ihre Großmutter Lisa und schließlich auf ihre Urgroßmutter Hannchen. Vier Frauen, vier unterschiedliche Lebenswelten und vier Schicksale, die über die familiäre Verbindung miteinander verknüpft sind. Mirabell versucht, die Leerstellen der eigenen Familiengeschichte durch schriftliche Rekonstruktionen und fiktionale Ergänzungen zu schließen. Was sie nicht weiß, denkt sie sich hinzu - in der Hoffnung, auf diese Weise jene Zusammenhänge zu erkennen, die ihr bisher verborgen geblieben sind.Erzählt wird diese Familiengeschichte in ganz kurzen Kapiteln, wobei die Handlung zwischen den 1930er-Jahren, den späten 1960er-Jahren, den 1990er-Jahren und der Gegenwart wechselt. Die zunächst durchaus anspruchsvolle Erzählstruktur fordert gerade zu Beginn einige Aufmerksamkeit, da die vier Frauen und ihre jeweiligen Lebensumstände erst einmal auseinandergehalten werden müssen. Besonders interessant ist dabei die zeitliche Anlage des Romans: Die unterschiedlichen Lebensabschnitte eröffnen Einblicke in wechselnde gesellschaftliche Vorstellungen von Weiblichkeit, Mutterschaft, Partnerschaft und Selbstbestimmung. Die historischen Lebenswelten bilden somit grundsätzlich einen geeigneten Rahmen, um die familiären Konflikte aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten.Dennoch habe ich mich bereits von den ersten Seiten an gefragt, was mich an diesem Roman eigentlich so sehr irritiert. Dabei handelt es sich weder um eine grundsätzliche Ablehnung des Themas noch um eine besonders komplizierte Erzählweise. Vielmehr fiel es mir ausgesprochen schwer, einen Zugang zu den Figuren zu finden und mich auf ihre Geschichten einzulassen. Normalerweise lese ich Bücher nur dann ausgesprochen langsam und in kleinen Abschnitten, wenn sie mich emotional oder gedanklich derart beschäftigen, dass ich zwischendurch Abstand benötige. Alternativ geschieht dies bei Lektüren, die mich schlichtweg nicht fesseln. "Über vier Leben" lässt sich für mich allerdings keiner dieser Kategorien eindeutig zuordnen. Erst im Laufe der Auseinandersetzung mit dem Roman wurde mir zunehmend klar, woran meine Schwierigkeiten liegen: Es ist vor allem Mirabells ausgeprägter Egozentrismus, der mir den Zugang zur Geschichte erschwert.Zweifellos hat Mirabell eine schwierige Kindheit hinter sich. Die Erfahrungen mit ihrem Vater haben sie nachhaltig geprägt und bieten durchaus Anlass, ihre Ängste und ihre Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen ernst zu nehmen. Auch ihre Suche nach den Ursachen ihres Leidens ist grundsätzlich nachvollziehbar. Allerdings gelingt es der Autorin meines Erachtens nur bedingt, diese nachvollziehbare Ausgangssituation in eine überzeugende literarische Figurenentwicklung zu überführen. Mirabells Selbstbezogenheit, ihr fortwährendes Kreisen um die eigenen Probleme und ihr ausgeprägtes Selbstmitleid erschweren es mir, Empathie für sie zu entwickeln. Ihre psychische Belastung wird zwar deutlich, doch fehlt mir über weite Strecken eine erzählerische Distanz, die es ermöglichen würde, ihr Verhalten differenzierter zu betrachten. Statt mich zunehmend für ihre Entwicklung zu interessieren, fühlte ich mich von ihrer Perspektive mitunter regelrecht vereinnahmt.Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass mir der Zugang zu den anderen drei Frauen wesentlich leichter fällt. Bei Hannchen, Lisa und selbst bei Sabine gelingt es mir deutlich besser, Verständnis für ihre jeweiligen Lebensumstände und Entscheidungen aufzubringen. Gerade ihre unterschiedlichen Biografien hätten meines Erachtens das Potenzial, die zentrale Fragestellung des Romans wesentlich facettenreicher zu entfalten. Denn die Lebensgeschichten der drei älteren Generationen sind nicht einfach nur Vorstufen von Mirabells gegenwärtigem Leiden. Sie sind zugleich eigenständige Schicksale, die unter den jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen betrachtet werden müssten. Hier hätte ich mir eine stärkere literarische Gewichtung dieser Figuren gewünscht, anstatt ihre Erfahrungen überwiegend durch die Suche der jüngsten Generation nach den eigenen Erklärungen zu betrachten.Besonders enttäuschend empfinde ich deshalb den Umgang mit dem historischen Hintergrund. Zwar gelingt es Hatscher durchaus, den jeweiligen Zeitgeist spürbar werden zu lassen und die unterschiedlichen Lebensbedingungen der Frauen anzudeuten. Dennoch hatte ich wiederholt das Gefühl, dass die historischen und gesellschaftlichen Verhältnisse letztlich zugunsten der individuellen Leidensgeschichten völlig in den Hintergrund treten. Gerade bei einer generationenübergreifenden Familienerzählung, die sich über nahezu ein Jahrhundert erstreckt, hätte ich mir eine intensivere Auseinandersetzung mit den historischen Rahmenbedingungen gewünscht. Die Lebenswege der Frauen sind schließlich nicht ausschließlich durch familiäre Konflikte und persönliche Entscheidungen bestimmt, sondern ebenso durch die gesellschaftlichen Strukturen und zeittypischen Rollenerwartungen, denen sie ausgesetzt sind. Gerade die Verbindung zwischen individueller Biografie und kollektiver Geschichte hätte dem Roman eine zusätzliche literarische Dimension verleihen können.Auch die Grundidee, eine fiktiv rekonstruierte Familienvergangenheit zur Erklärung gegenwärtiger psychischer Probleme heranzuziehen, halte ich grundsätzlich für ausgesprochen interessant. Sie eröffnet spannende Fragen nach familiärem Schweigen, transgenerationalen Erfahrungen und der Möglichkeit, die eigene Identität über die Lebensgeschichten anderer zu erschließen. Zugleich besitzt dieser Ansatz ein erhebliches literarisches Potenzial: Wo Erinnerungen fehlen, beginnt die Vorstellungskraft; wo die familiäre Überlieferung abbricht, setzt das Erzählen ein. Gerade diese Unsicherheit zwischen tatsächlicher Vergangenheit und nachträglicher Konstruktion hätte meines Erachtens ein besonders reizvolles Spannungsfeld bilden können. In der vorliegenden Ausführung konnte mich dieses Verfahren allerdings nicht wirklich begeistern. Mirabells Rekonstruktionen erscheinen mir zu stark auf die Bestätigung ihrer eigenen Problematik ausgerichtet, sodass die Vergangenheit vor allem als Erklärungsmuster für die Gegenwart dient, statt sich als eigenständiger und möglicherweise widersprüchlicher Erfahrungsraum zu entfalten.So überrascht mich letztlich auch das Ende des Romans nicht besonders. Wenn die gesamte Erzählung von Beginn an auf die Suche nach den Ursachen von Mirabells gegenwärtigem Zustand ausgerichtet ist, erscheint die Auflösung dieser Frage in gewisser Weise folgerichtig. Was mir jedoch fehlt, ist eine Entwicklung, die über das bloße Erkennen familiärer Zusammenhänge hinausgeht. Die Erkenntnis, dass das eigene Leben durch die Erfahrungen früherer Generationen geprägt sein kann, ist zweifellos bedeutsam. Literarisch überzeugend wird sie für mich allerdings erst dann, wenn sie auch neue Perspektiven auf die Figuren und ihre Handlungsmöglichkeiten eröffnet. Genau diese Erweiterung hätte ich mir von "Über vier Leben" stärker gewünscht.Fazit: Ein Roman mit einer durchaus reizvollen Idee, dessen Umsetzung mich jedoch nicht überzeugen konnte. Gerade weil die Lebensgeschichten von Hannchen, Lisa und Sabine mein Interesse geweckt haben, hätte ich mir gewünscht, dass ihre Erfahrungen stärker für sich selbst stehen dürfen - und nicht in erster Linie dazu dienen, Mirabells Gegenwart zu erklären.