"Lange war es Kaedes ausschließliche Freizeitbeschäftigung gewesen, den Buchbestand im Studierzimmer ihres geliebten Großvaters - insbesondere die ausländischen Klassiker unter den Krimis - geradezu zu verschlingen." Jetzt, als Erwachsene, hat Kaede eine ganz andere Aufgabe als das Lesen: Sie besucht regelmäßig ihren an Demenz erkrankten Großvater und kümmert sich liebevoll um den Mann, der ihr die Liebe zu Mystery- und Krimiliteratur vermittelt hat. Dabei kommt ihr zugute, dass der alte Mann trotz seiner Erkrankung noch immer sehr gut deduzieren kann und ähnlich wie die Meisterdetektive in den europäischen Klassikern zu den spannendsten Schlussfolgerungen kommt. Ganz unterschiedliche "Fälle", insgesamt fünf, werden in "Die Rätsel meines Großvaters" gelöst. Mal geht es um das mysteriöse Verschwinden eines Mannes, mal um den Selbstmord eines Filmschauspielers. Oft ist es Kaedes Großvater, der der Polizei den entscheidenden Hinweis liefern kann. Die ersten drei Erzählungen stehen relativ unabhängig nebeneinander, ab der vierten Erzählung nimmt die zusammenhängende Erzählung zunehmend Fahrt auf und die Figuren aus dem Roman rücken selbst immer mehr in den Mittelpunkt des Falles. Während sich die ersten drei Texte also noch wie nette Unterhaltunsggrübelleien lesen, wird es ab dem vierten Fall durchaus dramatisch. Dennoch konnte mich Masateru Konishis zweites Buch nicht wirklich überzeugen. Über ein "Ganz nett" kommt es leider nicht hinaus. Dabei hat "Die Rätsel meines Großvaters" viele Stärken: Die Orientierung an klassischen deduktiven Krimis, die ja aktuell in Japan einen großen Aufschwung erleben. Die vielen Bezüge und Anspielungen, vor allem im zweiten Kapitel, haben mir Freude bereitet. Hier stehen - ohne zu viel zu verraten - Hitchcocks Filme im Fokus und laden herrlich zum Mitraten ein. Außerdem hat es mir gefallen, dass viele Motive, Figuren und Ideen (z.B. die Bücher oder auch die beiden Mädchen aus dem zweiten Kapitel) wieder auftauchen und der Autor sich damit selbst zitiert. Darüber hinaus habe ich unheimlich viele kleine Dinge über die japanische Kultur gelernt. (Auch wenn ein erklärendes Glossar, zum Beispiel zu den verschiedenen Anspracheformen sehr hilfreich gewesen wäre). Auf der anderen Seite bin ich bis zu letzt den Figuren sehr fern geblieben. Zwar gab es Momente wie etwa die Sicht des Großvaters auf seine Krankheit, die er im letzten Kapitel Suzu gegenüber erklärt, die mich sehr berühren. Aber so ganz mitgenommen haben mich die Figuren auch hier nicht. Außerdem passen die Geschichten nicht so recht zusammen, finde ich. Manchmal hatte ich das Gefühl, einen nachträglichen Abdruck einer Fortsetzungsgeschichte oder Kolumne aus der Zeitung gelesen. Gerade die ersten drei Abschnitte gehen sehr in diese Richtung. Insgesamt war das Buch ganz anders, als ich ursprünglich erwartet hatte. Ob das gut oder schlecht ist - das wird sich zeigen. Auf einer seichten Unterhaltungsebene hat "Die Rätsel meines Großvaters" (warum eigentlich dieser Titel?) funktioniert.