Ich brauchte tatsächlich etwas. um das Ganze sacken zu lassen. Kennt ihr diese Bücher, die man einerseits nicht weglegen kann, weil sie so spannend sind, die einem aber gleichzeitig emotional richtig zusetzen? Genau so erging es mir hier.Obwohl es schon eine ganze Weile her ist, dass ich den ersten Teil gelesen habe, war ich ab der ersten Seite wieder komplett drin. Bei manchen Fortsetzungen muss man erst mal mühsam überlegen ,,Wer war das noch mal? Was ist da passiert?" Hier überhaupt nicht. Die Charaktere von Elise und Valérie waren sofort wieder präsent. Marie Lacrosse hat einfach ein Händchen dafür, ihre Figuren so lebendig zu zeichnen, dass sie im Kopf hängen bleiben.Dieser Band ist deutlich schwerere Kost als der Vorgänger. Wer hier eine reine Wohlfühl-Romanze im historischen Paris erwartet, täuscht sich. Die Autorin schildert völlig schonungslos, wie wenig ein Frauenleben damals wert war. Ob verheiratet oder ledig eine Frau hatte eigentlich nie wirklich die Kontrolle über ihr SchicksalBesonders heftig fand ich die Schilderungen über das damalige Eherecht. Sobald die Frauen unterschrieben hatten, wurden sie rechtlich zu einer Art ,,Besitz". Wenn man miterlebt, wie Valérie von ihrem Ehemann Baptiste behandelt wird, nur weil sie als Malerin ihren eigenen Weg gehen will, erschüttert dies ganz enorm. Auch Elises Schwester Simone hat es in diesem Band extrem schwer. Ihr Weg führt uns in die Abgründe der Prostitution und zeigt die hässliche Seite von Montmartre, die man in den schicken Bildbänden oft gerne vergisst.Es macht einen beim Lesen unheimlich wütend. aber genau das zeigt auch, wie gut es geschrieben ist.Was ich an der Autorin so schätze, ist ihr Blick fürs Detail. Wir treffen Van Gogh, Toulouse-Lautrec und Degas nicht als verstaubte Namen aus dem Geschichtsbuch, sondern als greifbare Menschen in einer pulsierenden, schmutzigen und faszinierenden Stadt.Spannend fand ich den Fokus auf die "Malweiber". Das war ein herabwürdigender Begriff für die Künstlerinnen, die damals um jeden Zentimeter Anerkennung kämpfen mussten. Hier wird eindrucksvoll gezeigt, dass diese Künstlerinnen oft talentierter waren als ihre männlicher Kollegen. Aber sie mussten gegen gesellschaftliche Mauern und blanke Ignoranz ankämpfen, um überhaupt im Salon ausgestellt zu werden.Falls ihr die Print-Ausgabe habt, schaut unbedingt in den Anhang. Dort gibt es eine Liste der erwähnten Kunstwerke und Quellen. Ich habe parallel beim Lesen manche Bilder gegoogelt, was die Atmosphäre des Montmartre für mich noch realer gemacht hat.Das Ende ist ein bittersüßer Abschied. Ich bin davon ausgegangen, dass wir hier eine abgeschlossene Dilogie vor uns haben. Die letzte Seite kam für mich überraschend schnell. Es bleibt manches offen. Ich wüsste so gern, ob Valérie und Pascal doch noch eine echte Chance haben oder wie sich Elises Weg im Moulin Rouge weiterentwickelt. Das Schicksal der beiden fühlt sich noch nicht "fertig" erzählt an. Marie Lacrosse erklärt im Nachwort zwar sehr schlüssig, warum sie das Werk hier erst mal begrenzt hat, aber mein Leserherz hofft trotzdem irgendwie auf eine Fortsetzung. Die Geschichte hat definitiv noch Potenzial für mehr!Dieses Buch hat mich tief bewegt, wütend gemacht und gleichzeitig unglaublich gut unterhalten. Für mich ist ,,Montmartre - Traum und Schicksal', und zugleich beide Bände, eine absolute Leseempfehlung.