Worum geht es?: In der Hoffnung auf einen Neuanfang zieht Nancy mit ihrem Mann Calder auf eine kleine Insel vor der Westküste Schottlands. Es fällt ihr jedoch schwer, sich in der kargen Landschaft mit den verschlossenen Bewohnern einzuleben. Und dann wird auch noch ihr größter Alptraum wahr: Sie findet Calders umgestürztes Boot in einer Bucht, sein Körper treibt regungslos im eiskalten Wasser. Dass er überlebt, gleicht einem Wunder. Doch Calder ist nach diesem Vorfall nicht mehr derselbe. Nancy spürt, dass er etwas vor ihr verbirgt, und sein Verhalten macht ihr Angst. Und als eine Leiche an den Strand gespült wird, weiß Nancy: Ein Neubeginn kann die Vergangenheit niemals völlig auslöschen ...
Das Cover: Schon das Cover konnte mich auf Anhieb überzeugen. Es gefällt mir richtig gut und vermittelt sofort die passende Stimmung. Bereits der erste Blick macht deutlich, dass es sich um einen Thriller handelt, und weckt die Neugier auf die Geschichte.
Der Schreibstil: Erzählt wird die Handlung aus der Ich-Perspektive von Nancy, wodurch ich ihre Gedanken, Ängste und Unsicherheiten besonders intensiv miterleben konnte. Liz Webb besitzt ein großes Talent dafür, eine düstere und beklemmende Atmosphäre zu erschaffen. Vor allem ihre bildhafte Sprache hat mir gefallen. Die Landschaft der Insel und die raue Küstenregion konnte ich mir während des Lesens lebhaft vorstellen. Die Kapitel haben mit etwa 20 bis 30 Seiten eine angenehme Länge, sodass sich das Buch insgesamt sehr flüssig lesen ließ. Allerdings hatte die Geschichte insbesondere im Mittelteil einige Längen. Über mehrere Kapitel hinweg hatte ich das Gefühl, dass die Handlung nicht richtig vorankommt und etwas auf der Stelle tritt. Hier hätte ich mir zusätzliche Spannung oder eine überraschende Wendung gewünscht. Das Ende konnte diesen kleinen Durchhänger jedoch wieder wettmachen, denn die Auflösung kam für mich völlig unerwartet. Mit dieser Wendung hatte ich nicht gerechnet, was mich letztlich positiv überrascht hat.
Die Hauptfiguren: Im Mittelpunkt steht Nancy, die sich in einer schwierigen Lebensphase befindet. Gemeinsam mit ihrem Partner Calder wünscht sie sich seit Jahren ein Kind, doch ihr Wunsch bleibt bislang unerfüllt. Zusätzlich wird sie von Schuldgefühlen geplagt, da sie Calder einst mit seinem besten Freund betrogen hat und daraufhin schwanger wurde. Das Kind verlor sie jedoch, und seitdem fällt es ihr schwer, mit den Ereignissen abzuschließen. Als das Paar in Calders Heimat zurückkehrt, hofft Nancy auf einen Neuanfang und darauf, dass ihr Traum von einer eigenen Familie vielleicht doch noch wahr wird. Nach einem schweren Bootsunfall verändert sich jedoch alles. Calder kann zwar rechtzeitig ins Leben zurückgeholt werden und erholt sich körperlich erstaunlich schnell, doch sein Verhalten verändert sich drastisch. Er raucht deutlich mehr als früher, wird zunehmend aggressiv und reagiert auf Kleinigkeiten mit Wutausbrüchen. Vor allem Nancy gegenüber verhält er sich immer abweisender. Je mehr merkwürdige Ereignisse geschehen und je stärker die fragwürdigen Praktiken der örtlichen Kirchengemeinde in den Vordergrund rücken, desto mehr gerät Nancy in einen Strudel aus Unsicherheit und Angst. Nancy habe ich schnell in mein Herz geschlossen. Sie ist ein sehr unsicherer Mensch, der eigentlich nichts sehnlicher möchte als eine liebevolle Familie, etwas, das ihr selbst in ihrer Kindheit gefehlt hat. Gerade ihre Verletzlichkeit und ihre nachvollziehbaren Wünsche machten sie für mich zu einer sympathischen und glaubwürdigen Protagonistin.
Endfazit: Die Bucht ist ein atmosphärischer Thriller mit einer interessanten Grundidee und einer überraschenden Wendung zum Ende hin. Die düstere Inselkulisse, die geheimnisvolle Stimmung und die sympathische Hauptfigur konnten mich größtenteils überzeugen. Leider verlor mich die Geschichte im Mittelteil etwas, da die Handlung dort nur langsam voranschritt und ich mir mehr Spannung sowie einen größeren Überraschungsmoment gewünscht hätte. Trotz dieser Schwächen ist Die Bucht ein solides Buch, das sich besonders für Leserinnen und Leser eignet, die erste Erfahrungen im Thriller-Genre sammeln möchten und Wert auf Atmosphäre sowie psychologische Spannung legen.
Das Buch erhält von mir gute 3,5 von 5 Sternen.