Klassischer Auftakt eines großen Epos
Ich verstehe, warum das Buch erstmal nur 4 Sterne bekommen hat, weil die verwendeten Tropes recht bekannt sind. Es gibt den grobschlächtigen Barbaren, den eingebildeten hübschen Prinzen, der doch irgendwie ein gutes Herz hat, und eine große übermächtige Bedrohung aus der Ferne. Vielleser:innen erkennen diese Tropes schnell und haben das Gefühl, die Geschichte vorhersagen zu können, aber sie täuschen sich. Abercrombie startet mit seinem ersten Buch mit relativ klassischen Figuren, die allesamt einen Twist haben, der sie von ihrem Stereotyp entfernt. Die Story driftet schon im ersten Band von der üblich tolkianischen Erzählung weg und führt Leser:in schnell in eine glaubhafte Welt des Grimdark mit einem unfassbar komplizierten Netz aus Intrigen und Persönlichkeiten, die extrem glaubhaft sind. Gloktas Inner Voice ist Gold wert und hat mich von der ersten Seite an in den Bann gezogen. Die Ungerechtigkeiten in der Welt folgen einer inneren Logik, wodurch das Scheitern von Figuren überhaupt nicht frustrierend, sondern eher glaubhaft wirkt. In diesem Band ist der Gore-Aspekt noch recht hoch, um etwas Effekthascherei zu betreiben - das nimmt mit der Zeit ab, aber für den Anfang kann es noch sehr belastend sein. Ich hatte dennoch nicht das Gefühl, dass Abercrombie die Folterszenen nur als Lockmittel verwendet hat, um edgy Teenager anzuziehen - sie sind stimmig im Weltbild und wirken nicht überzogen.Wer sehr außergewöhnlichen Weltenbau erwartet, ist hier an der falschen Adresse - das Worldbuilding tritt gegenüber den Charakteren klar in den Hintergrund, und man erfährt wenig über das Magiesystem. Für mich genau das richtige - ich liebe es, wie die Charaktere im Vordergrund sind, und die Erwartung auf gewisse angekündigte Konflikte bringt einen wirklich dazu, weiterzulesen.