Atmosphärisch stark und nachdenklich, stellenweise sehr sachlich ¿ aber gerade die moralische Vielschichtigkeit macht das Buch besonders.
Der Roman beginnt mit dem Untergang Venedigs. Guido Malegatti zieht mit einer Gondel seine Kreise und sieht dabei die Überreste einer großen historischen Stadt. Danach folgt über das Buch hinweg eine große Rückblende, die beschreibt, wie es überhaupt soweit kommen konnte. Mit dem Untergang Venedigs wurde nämlich auch der Untergang der Familie Malegatti besiegelt - beide absehbar und dann eingetreten. Mich hat "Acqua alta" vor allem durch seine Atmosphäre beeindruckt. Isabelle Autissier beschreibt Venedig so eindringlich, dass ich beim Lesen oft das Gefühl hatte, selbst durch die Gassen zu gehen. Die Stadt ist hier nicht nur Kulisse, sondern wirkt wie eine eigene Figur - voller Schönheit, Geschichte und gleichzeitig unglaublich verletzlich. Für mich ist sie ein Juwel, bei dem man richtig spürt, wie sehr es bedroht ist. Gerade die Themen Massentourismus und Klimawandel haben mich immer wieder nachdenklich gemacht. An manchen Stellen liest sich der Roman fast wie ein Sachbuch - zum Beispiel, wenn erklärt wird, dass Venedig in den letzten 100 Jahren um 25 cm gesunken ist oder wenn das MOSE-Projekt sehr detailliert beschrieben wird. Das hat meinen Lesefluss manchmal etwas gebremst, gleichzeitig fand ich es aber auch spannend, weil es die Dringlichkeit des Themas so klar macht und ich habe mich mehr als einmal dabei erwischt neben dem Roman auch selbstständig einiges zu Venedig zu recherchieren. Was mir besonders gefallen hat: Ich habe schon mehrere Bücher von Autissier gelesen und mag sehr, wie sie mit Moral umgeht. Auch in "Acqua alta" hatte ich nie das Gefühl, dass sie mit erhobenem Zeigefinger schreibt - obwohl die Botschaft deutlich ist.Die Figuren sind dabei eigentlich nicht unbedingt sympathisch, und trotzdem konnte ich ihre Haltungen nachvollziehen. Gerade das fand ich wirklich gelungen. Der Vater und Politiker Guido, der - auch durch seine eigene Herkunft geprägt - um jeden Preis die Wirtschaft am Laufen halten will. Die Tochter Lea, die sich in ihrem Idealismus ganz der Rettung Venedigs verschreibt und sich darin fast verliert. Und die Mutter Maria Alba, die lange im Hintergrund bleibt, kaum eingreift - und am Ende den höchsten Preis zahlt. Obwohl diese Positionen so unterschiedlich sind, wirken sie alle auf ihre Weise verständlich. Genau das macht es für mich schwer, die Figuren einfach moralisch zu verurteilen - und genau darin liegt für mich eine große Stärke des Romans. Ein Roman, der nicht nur mit einer sehr aktuelle Thematik besticht, sondern auch aufzeigt, wie schnell Moral zu einem Luxusgut werden kann, wenn die Krise heftig zu werden droht. Ich empfehle diesen kleinen Schmöcker also von Herzen weiter.