Orca von Franziska Gänsler 4 ¿¿¿¿
Atmosphärisch dichter Roman über Freundschaft, soziale Ungleichheit, Zugehörigkeit und Radikalisierung
Nach "Mit beiden Händen den Himmel stützen" ist "Orca" das zweite Buch der aktuellen Longlist für den Deutschen Buchpreis, das ich lese. Während mich Lilli Tollkiens Roman vor allem inhaltlich beeindruckt, stellenweise sogar verstört hat, gehen bei Franziska Gänsler Sprache und Inhalt vollkommen Hand in Hand. Gerade ihre präzise, atmosphärisch dichte Sprache zeugt von großer Erzählkunst.Cora arbeitet an der Fleischtheke eines Supermarktes, und schnell wird klar: Irgendetwas in ihrem Leben ist nicht so gelaufen wie geplant. Als sie in den Nachrichten von ihrer Jugendfreundin Olympia hört, entfaltet sich Coras Geschichte nach und nach auf zwei Zeitebenen.Zunächst könnte man den Roman als Coming-of-Age-Geschichte einer jungen, intelligenten Frau lesen, die sich - nicht zuletzt aufgrund ihrer sozialen Herkunft - nirgendwo wirklich zugehörig fühlt. Neben der Schule steckt Cora viel Energie in kunstvoll gestaltete künstliche Fingernägel. Dank eines Stipendiums besucht sie eine Eliteschule, an der die meisten Jugendlichen aus wohlhabenden Familien stammen. Doch auch dort findet sie keinen wirklichen Anschluss. Aus ihrer Unsicherheit entwickeln sich eine besserwisserische Art, die andere gegen sie aufbringt, und Aggressionen, die sie noch weiter ins Abseits drängen. Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie verdichten sich Einsamkeit, Zukunftsangst und Identitätssuche zu einer nahezu undurchdringlichen Isolation.Mitten in dieser Zeit trifft Cora ihre frühere Freundin Olympia wieder. Zunächst erfahren wir nur, dass Olympia als Reinigungskraft in einer Villa arbeitet, deren Eigentümer fast nie zu Hause ist. Cora begleitet sie immer wieder dorthin, und für eine Weile werden die beiden erneut unzertrennlich. Als der Eigentümer zurückkehrt, endet ihre Arbeit in der Villa - doch die Begegnungen dort setzen etwas in Gang, das zunehmend bedrohliche Züge annimmt.Auf einer trotz der Corona-Regeln verbotenen Party in einer anderen Villa treffen Cora und Olympia auf Ariel. Sie lebt inzwischen mit mehreren Umweltaktivistinnen und -aktivisten sowie dem Eigentümer in jener Villa, in der die beiden gearbeitet haben. Gastgeberin der Party ist Lilly, eine junge Frau, deren Mutter als Lobbyistin tätig ist. Damit treffen zwei Lebenswelten aufeinander, die kaum gegensätzlicher sein könnten.Spätestens mit dieser Konstellation wird klar, dass "Orca" weit mehr ist als ein klassischer Coming-of-Age-Roman. Die Geschichte entwickelt zunehmend die Spannung und Dynamik eines politischen Thrillers. Gänsler verknüpft Klima- und Chancengerechtigkeit, soziale Ungleichheit, Identitätssuche und Radikalisierung zu einem komplexen Geflecht. Sie zeigt eine Gesellschaft, die sich nicht nur in Arm und Reich spaltet, sondern auch in Klimabewegte, Gegner und Gleichgültige.Besonders eindringlich fand ich die Frage, wie weit Menschen gehen, um Teil einer Gruppe zu sein - und wie schnell Zugehörigkeitssehnsucht, Zukunftsangst und vermeintliche Gewissheiten in Gewalt umschlagen können.Cora fühlt sich zu den Umweltaktivistinnen und -aktivisten hingezogen und möchte unbedingt dazugehören. Gleichzeitig kommt sie Lilly näher, bei der die Party stattgefunden hat, und auch zwischen den beiden entwickelt sich eine besondere Beziehung. Coras Dilemma wird dadurch immer deutlicher: Auf der einen Seite steht die Villa der Aktivisten, in der Nachhaltigkeit zum Lebensprinzip erhoben wird, auf der anderen Lillys futuristisch anmutendes Zuhause mit Pool und allen technischen Raffinessen.Doch Gänsler vermeidet einfache Zuschreibungen. Weder sind die einen automatisch die guten und herzlichen Menschen, noch die anderen die bösen und gefühllosen. Gerade diese Ambivalenz macht den Roman für mich so klug und glaubwürdig.Die Entscheidung, die Cora schließlich trifft, führt für fast alle Beteiligten in die Katastrophe. Erstaunlich fand ich dabei, dass sie trotz ihrer Rolle als Hauptfigur nur selten selbst die Führung übernimmt, sondern meist eher "dabei" ist. Gerade darin liegt jedoch ihre Bedeutung: Ihr nahezu verzweifelter Wunsch nach Zugehörigkeit wird zum Katalysator und treibt die Ereignisse entscheidend voran.Anfangs habe ich kaum verstanden, worauf die Geschichte hinauswill. Doch irgendwann - ohne dass ich genau sagen könnte, wann - war ich mitten in diesem Geflecht aus bewussten Widersprüchen, extremen Kontrasten und einer latent bedrohlichen Atmosphäre angekommen. Von da an entwickelte der Roman einen Sog, dem ich mich kaum noch entziehen konnte.Besonders fasziniert hat mich die Entwicklung der jungen Menschen in den unterschiedlichen Lagern. So verschieden ihre Lebenswelten auch sind, so ähnlich ist ihr Wunsch nach einer besseren Zukunft - auch wenn jede Seite darunter etwas völlig anderes versteht. Beide Milieus erscheinen auf ihre Weise radikal und sind bereit, moralische Grenzen zu überschreiten. Gänsler erzählt diese Entwicklung psychologisch nachvollziehbar und ohne einfache Schuldzuweisungen.Für mich bleibt dabei dennoch eine klare Grenze: Für seine Ideale einzustehen, kann bewundernswert sein. Sobald daraus jedoch Gewalt entsteht, endet mein Verständnis.Gerade weil "Orca" diese Ambivalenzen nicht auflöst, sondern aushält, hat mich der Roman so nachhaltig beschäftigt. Er ist eine Geschichte über Freundschaft und Zugehörigkeit, über soziale Unterschiede und Zukunftsängste - aber auch darüber, wie leicht der Wunsch, irgendwo dazuzugehören, dazu führen kann, die eigenen Grenzen immer weiter zu verschieben.