Auf der Italienkarte, die der Autor, Musiker und Musikjournalist Eric Pfeil mit seiner Frau Ina bastelte, markierten sie ihre ganz eigenen Sehnsuchtsorte: "Sagenumwobene Filmsets und Schauplätze bedeutender Sangesauftritte ebenso wie Geburtshäuser und Lieblingsrestaurants der Schönen und Kreativen". Gesagt, getan. Im Juli 2025 brachen die beiden Italien-Tifosi zu ihrer außergewöhnlichen Forschungsreise auf.Städte wie Mailand, Turin, Genua, Bologna, Rom, Neapel und Palermo füllen ganze Reiseführer. Doch Eric Pfeil, dem passionierten Kenner der italienischen Popkultur - sein Buch "Azzurro - Mit 100 Songs durch Italien" zeugt davon - geht es nicht um die touristischen "Sehenswürdigkeiten". Seine Hotspots sind vor allem die Stätten, an denen Film- und Musikgeschichte geschrieben wurde. Wie in der Heimatstadt von Titelgeber Adriano Celentano. Sein Geburtshaus aus in der Via Cristoforo Gluck im Bahnhofsviertel von Mailand ist baufällig und übersät mit den schwarzen Flecken der städtischen Abgase. Der Kultsänger und -schauspieler schenkte dem Haus seiner Kindheit mit dem Evergreen "Il ragazzo della Via Gluck" ein musikalisches Denkmal.Wer wie der Rezensent einen Italienischkurs der Pasolini-Sprachschule in Castiglioncello an der toskanischen Küste besucht hat, blickt von der "Bucht des Lächelns" (Baia del sorriso) über die Klippen hinauf zu einer Villa im Liberty- bzw. Jugendstil. Die Schauspielerlegende Marcello Mastroianni hatte die architektonische "Eierlikörtorte" (Pfeil) in den siebziger Jahren von dem Starregisseur Luchino Visconti erworben. Doch am liebsten traf sich der berühmte Ehrenpräsident des "Circolo delle 4 gomme lisce", des Zirkels der vier glattgefahrenen Reifen, mit Ortsansässigen vor einer Garage - heute ein kleines Museum auf dem Largo Marcello Mastroianni.Castiglioncello war für den Volksschauspieler Alberto Sordi, "virtuoser Darsteller des Italieners von nebenan" (Pfeil) wie für viele andere Promis "der perfekte Ort zum Ferienmachen". Doch hier wurden auch Filmklassiker gedreht. In seiner Residenz schrieb Luchino Visconti am Drehbuch zum grandiosen Filmepos "Il Gattopardo" (Der Leopard) mit Burt Lancaster, Claudia Cardinale und Alain Delors. Gedreht hat Visconti die kongeniale Verfilmung des Jahrhundert-Romans von Tomasi di Lampedusa in der Villa Boscogrande in der einstigen Sommerfrische von Palermos Adel. Bei seiner Stippvisite sieht der Autor das vom Schloss Versaille inspirierte Gebäude "eingekeilt von Autohäusern, Supermärkten und marode wirkenden Hochhäusern".Gleich drei Kapitel widmet Pfeil der Hafenstadt Genua. La Superba, die Stolze, war die Heimat des Liedermachers, Poeten und bekennenden Anarchisten Fabrizio De André: "Eine alte Seele, ein Typ, den man sich ausdenken müsste, wenn es ihn nicht gegeben hätte. Der lebte, was er sang". Am 11. Januar 1999 starb der in ganz Italien verehrte Genueser, der die Außenseiter der Gesellschaft besang, mit 58 Jahren an Lungenkrebs.Der Schriftsteller F.C. Delius notierte: "Wer über Rom schreibt, tut schlauer, als er ist. (Ich auch)". So tut auch unser Autor in der Stadt der Städte gut daran, sich nicht zu verheben. Er fokussiert sich auf die Traumfabrik Rom, in der sich die internationalen Filmstars tummelten, in der Gregory Peck und Audrey Hepburn in "Ein Herz und eine Krone" mit der Vespa flirteten und die Nationaldiva Gina Lollobrigida bis zu Ihrem Tod 2023 im Alter von 95 Jahren lebte.Rom ist die Musikstadt, in der Singer/Songwriter wie Francesco De Gregori den Begriff des Cantautore prägten. Und Rom ist die Stadt der Dichter, zum Beispiel von Alberto Moravia und seiner langjährigen Ehefrau Elsa Morante, deren Opus Magnum "La Storia" (Die Geschichte) ein Welterfolg wurde. Rom ist auch die Stadt von Pier Paolo Pasolini. Er drehte hier filmische Meisterwerke wie "Accatone" und "Mamma Roma" - mit Anna Magnani in der Hauptrolle. In Rom verfasste er auch einen Großteil seines vor allem den Borgate, den römischen Armensiedlungen, gewidmeten literarischen Werks. Der Regisseur, Schriftsteller und Publizist wurde am 2. November 1975 am Strand von Ostia bei Rom unter bis heute ungeklärten Umständen ermordet. PPP wurde nur 53 Jahre alt.Natürlich darf im popkulturellen Italo-Kosmos auch Neapel nicht fehlen. Napoli wurde vor allem von zwei großen Söhnen geprägt: Dem Schauspieler und Komiker Toto, der in rund 100 Filmen einen armen, den Widrigkeiten des Alltags listig, aber vergeblich trotzenden Schlucker verkörpert. Und dem neapolitanischen Liederdichter Pino Daniele. In der "Cantina del Gallo" verzehrte der junge Pino einst seine geliebte Pizza Margherita. Eric Pfeil über die in vierter Generation geführte Trattoria: "Nur ein Narr würde versuchen, seine Ernährungsneurosen gegen diese gottgeschenkte Traditionsküche in Stellung zu bringen." Als Pino Daniele mit 59 Jahren starb, erwiesen ihm am 7. Januar 2015 Hunderttausende bei der Trauerfeier in Neapel die letzte Ehre. Es gäbe noch viele "Genius loci" aus diesem mit mediterraner Heiterkeit und teutonischer Gründlichkeit opulent erzählten Giro d'Itali zu erwähnen. Im Vorwort zitiert Pfeil Italiens Top-Cantautore Paolo Conte, der Adriano Celentano das wohl bekannteste italienische Lied "Azzurro" auf den Leib geschrieben hat: "Via via vieni con me": Geh, komm mit mir fort!" Dieses Buch ist eine unwiderstehliche Einladung mitzureisen!Joseph WeisbrodInfo: Eric Pfeil: "Hotel Celentano - Sommerreise durch ein anderes Italien". 320 Seiten. 17 Euro. KiWi-Paperback