Erfrischender Coming-of-Age-Roman auf dem Campus eines Eliteinternats in Boston.
Eine Klärung vorweg, bevor wir in das Buch "Prep" von Curtis Sittenfeld einsteigen: Der Titel "Prep" bezeichnet ein Preparatory, also eine Schule mit kleinen Klassen, hochqualifizierten Lehrkräften und hohen akademischen Anforderungen, die Schüler optimal auf ein College oder eine Universität vorbereiten. Kurzum: ein Eliteinternat, in dem die Teenager in der ersten Stufe als Freshman ihre Schulkarriere starten, bevor sie die nächsten Jahrgangsstufen als Sophomores, Juniors und Seniors erklimmen. Manche werden als Senior Prefects sogar auf Marmortafeln verewigt.So weit denkt die blutjunge Lee Fiora längst nicht, als sie talentiert, engagiert, aber relativ mittellos an ein solches Prep namens Ault in Boston gerät. Ihr Mut, sich zu bewerben, wird überraschend mit einem Stipendium belohnt. Ihre Eltern aus dem Mittleren Westen sind entsetzt und entzückt zugleich, schließlich offenbart sich für ihre Tochter eine Chance, die jedoch mit einem Abschied verbunden ist. Doch kaum lernt Lee ihr Umfeld kennen - überkandidelte Bankersöhne von der Ostküste sowie grazile Schönheiten aus gutem Hause - merkt sie, wie allein sie in dieser Kaderschmiede ist. Als Tochter eines gewitzten Mannes, der seine Geschicke im Matratzengeschäft in Geld ummünzt, spielt sie in einer viel niedrigeren Liga, als die, die ihr Vermögen entweder zur Schau tragen oder es in ihrem Understatement wie eine Selbstverständlichkeit des Daseins betrachten. Den Stallgeruch, der ihr anhaftet, wertet sie als Makel. Dabei empfindet sie auch keinen Neid gegenüber den Leuten mit neuem oder altem Geld. Es sind die Charaktereigenschaften, die sie beschäftigen. Mit ihrem ironischen, teils sarkastischen Blick entlarvt sie die Scheinheiligkeit von Absichten und die Oberflächlichkeit, wo es eigentlich um wahre Freundschaften und Vertrauen gehen sollte. Allmählich schließt sie dennoch engere Bekanntschaften, in der Regel mit Außenseitern oder Freaks wie sie selbst. Hilfreich ist ihr unter anderem die Haarschneidekunst, die sie an ihren Mitschülern wie aus dem Nichts erprobt und meistert. Mit zunehmendem Alter wächst sie wie zu erwarten mit den Aufgaben und den Pflichten des Schulsystems. Sie durchlebt die typischen Aufs und Abs eines Teenagers, muss ihren Kompass justieren, um durch Gruppenzwänge, Lehrerschikanen, Liebesdingen, Gefühlswallungen und Einsamkeit zu navigieren. Eine riesengroße Herausforderung, der sie sich aber zum Trost nicht allein stellen muss. Auch das eine Erkenntnis, die in ihrem Erwachsenwerden reift. Verkompliziert wird das Ganze durch einen seltenen Besuch ihrer Eltern, der Lees durchgemachte Entwicklung - von einer Selbstverleumdung zu einer Emanzipation der Kindheit - im Zeitraffertempo von nur einem Tag an die Oberfläche befördert. Klar, dass das zu einem Zerwürfnis führt, mit Tränen, Vorwürfen, Entschuldigungen und am Ende einer Offenbarung. Hier prallen Vergangenheit und Zukunft zusammen. Lee wird in ein Gefühlschaos gestürzt, aus dem sie gestärkt hervorgeht. Und dann ist da noch dieser tolle Junge - Cross. Zwar ist er ständig vergeben und sie ja nur eine durchgeknallte Verirrte in Ault, aber dennoch kann sie sich ihrer Zuneigung ihm gegenüber nicht erwehren. Das Internatsgeschehen nimmt seinen Lauf, aber eines kann selbst ein Prep nicht: die heimlichen Wünsche ihrer jugendlichen Bewohner stehlen. Auch Lee wird nach langer Suche ihren Platz in diesem Mikrokosmos finden. Für die Schüler in Ault ist es das Mindeste.Lee selbst ist im Umgang mit einer Mitbewohnerin der Meinung, sie sei geschwätzig, daher letztlich langweilig. Eine Umschreibung, die auf das Buch "Prep" selbst zutrifft. Allerdings würde ich ihm nicht dieses vernichtende Urteil in seiner Absolutheit attestieren. Sagen wir: es hat seine Längen, die je nach Lesetempo rasch zurückgelegt werden können. Denn flüssig und unkompliziert geschrieben ist dieser Coming-of-Age-Roman allemal. 592 Seiten müssen dennoch durchschritten werden und wie es sich für eine Pennälerlektüre gehört, strotzt diese nicht immer nur vor Vergnügungen. Sittenfeld fügt hier oftmals anekdotenhafte Geschehnisse aneinander und lässt uns unablässig an Lees authentisch wirkende Gedanken teilhaben. Diese sind weitschweifig, aber nicht ermüdend, denn immer passiert etwas Aufregendes oder Merkwürdiges - so wie gefühlt immer aus der Sicht eines Teenagers, der eine neue Welt erkunden muss. Als Leser fühlte ich mich zurückversetzt in diese Sturm-und-Drang-Zeit, in der Dinge bedeutsam erscheinen, die einem nur in der Jugend wichtig sind. Die fast greifbaren Beschreibungen aus Lees Perspektive sind auch die große Stärke von "Prep", was auch die Lorbeeren und Bestsellerrankings erklären dürfte. Nebenbei wird man als Leser auch mit Einblicken in die Zerrissenheit der USA belohnt. Politische Einflüsse und die Gefahren der Zukunft machen auch vor den Schultoren eben nicht halt.Ich habe gerne Curtis Sittenfelds Entwicklungsroman über die alles andere als unschuldige Lee gelesen. Die Protagonisten ist mir mit ihren polarisierenden Meinungen und ihrer Ambivalenz zwar nicht ans Herz gewachsen, dennoch habe ich größtes Verständnis für ihre Gefühle und ihre ganz natürlichen Ziele. Jungen Erwachsenen, die gerne New Adult-Romane dieser Art mögen, kann ich "Prep" wärmstens empfehlen.