Große Erwartungen, vielversprechend gestartet, und doch nicht überzeugt.
The Red Winter von Cameron Sullivan ist ein epischen Dark-Fantasy Roman, der stark von slawischer Mythologie, politischen Intrigen und einer düsteren Winterwelt geprägt sein soll. Eine raue, kalte Welt, in der Adelshäuser um Macht ringen, Magie durch die Schatten kriecht und alte Kreaturen den Kontinent unsicher machen - dazu noch eine Geschichte, die sich lose an der Legende der Bestie von Gévaudan orientiert. Historische Dark Fantasy also. Klingt ziemlich genau nach meinem Geschmack. Entsprechend hoch war meine Vorfreude, denn dieses Buch gehörte zu meinen meist erwarteten Fantasy-Neuerscheinungen dieses Jahres.Leider musste ich relativ schnell feststellen: Das wird keine große Liebe. Bereits nach sieben Kapiteln hatte ich so ein leises Gefühl im Bauch. Dabei beginnt alles gar nicht schlecht. Die Atmosphäre der Welt ist wirklich gelungen. Die kalten Landschaften, die düsteren Wälder und die ständig lauernde Gefahr erzeugen ein angenehmes Dark-Fantasy-Feeling. Auch die verschiedenen Kreaturen und mythologischen Wesen tragen dazu bei und erinnern stellenweise sogar ein wenig an die Monsterwelt aus The Witcher. Der Schreibstil ist zudem angenehm leicht und flüssig zu lesen, sodass man durchaus gut durch die Seiten kommt. Das eher gemächliche Pacing hat mich persönlich auch nicht gestört - ich habe grundsätzlich nichts gegen eine Geschichte, die sich Zeit lässt.Doch leider konnte mich der Rest des Buches nicht wirklich überzeugen.Sebastian, der Hexer, war grundsätzlich ein interessanter Charakter, erinnerte mich allerdings stark an Gabriel de León aus Reich der Vampire. Gleichzeitig bleibt er überraschend blass. Für einen Hexer, der angeblich seit über tausend Jahren auf der Welt unterwegs ist, erfährt man erstaunlich wenig über ihn. Seine Figur bleibt dadurch recht eindimensional.Die Geschichte arbeitet zudem mit verschiedenen Zeitsträngen, was an sich spannend sein kann. Leider konnten mich auch die Nebencharaktere kaum fesseln. Viele wirkten austauschbar und hinterließen wenig Eindruck.Besonders schwierig wurde es für mich mit Livia. Sie ist ein Sukkubus und bekommt einen eigenen POV, was grundsätzlich interessant klingt. Allerdings dreht sich bei ihr gefühlt alles um ihre ständige Fleischeslust. Mir ist bewusst, dass Verführung zum Wesen eines Sukkubus gehört - doch die permanenten sexuellen Gedanken haben mich irgendwann leider eher genervt als unterhalten. Generell empfand ich die häufigen sexuellen Anspielungen im gesamten Buch eher als störend.Auch Sarmodel, der offenbar für humorvolle Momente sorgen soll, hat bei mir nicht gezündet. Sein Humor wirkte auf mich oft erzwungen und unnatürlich.Ein weiteres Fragezeichen blieb für mich die Rolle von Jeanne d'Arc. Ihre Präsenz in der Geschichte wirkte für mich dekorativ als wirklich relevant.Mehrfach hatte ich außerdem das Gefühl, dass der Autor selbst noch nicht genau weiß, wohin seine Geschichte eigentlich führen soll. Besonders schade fand ich das beim Thema rund um die Bestie von Gévaudan. Diese historische Legende bietet unglaublich viel spannendes Material - doch im Buch bleibt dieser Aspekt überraschend oberflächlich und angedeutet.Auch bei Politik und Kirche hätte ich mir deutlich mehr gewünscht. In der historischen Zeit, an der sich das Setting orientiert, hatte die Kirche enorme Macht und Einfluss. Intrigen, Machtkämpfe oder politische Konflikte wären hier sehr interessant gewesen. Stattdessen bekommt man davon erst in den letzten Kapiteln ein wenig zu sehen.Überraschungsmomente gab es ebenfalls kaum. Viele Entwicklungen waren recht früh vorhersehbar, sodass sich echte Spannung nur selten einstellen konnte. Zudem hätte ich mir insgesamt einen deutlich düstereren und ernsthafteren Ton gewünscht.Und irgendwann merkte ich leider, dass das Lesen selbst zu einem kleinen Ausdauertraining wurde - allerdings nicht für Spannung, sondern für meine Geduld. Stellenweise fühlte es sich fast wie ein anstrengender Kampf an, bei dem ich mich mehr durch die Seiten gearbeitet habe, als wirklich mitgerissen zu werden.Am Ende bleibt für mich leider ein Gefühl der Enttäuschung. Das Potential der Geschichte ist definitiv vorhanden - Atmosphäre, Grundidee und mythologischer Hintergrund hätten eine wirklich großartige Dark-Fantasy-Geschichte ergeben können. Doch die Umsetzung war leider nicht nach meinem Geschmack.Schade, denn ich hatte mich wirklich sehr auf dieses Buch gefreut.