
Elon Musk bezeichnet die Plattform X als »kybernetische Superintelligenz«, Mark Zuckerberg denkt Unternehmen als »lernende Organismen«, und der Erfinder der Datenbrille Google Glass sagt: »Die Kybernetik ist überall, wie Luft. « Diese Aussagen kommen nicht von ungefähr. Wer die Digitalisierung verstehen will, muss auf ihre kybernetischen Ursprünge schauen. In ihrem grundlegenden Buch zeichnet Anna-Verena Nosthoff ein umfassendes Panorama der Kybernetisierung der datafizierten Gegenwartsgesellschaft - von den ersten Prämissen der »Wissenschaft von Kommunikation und Kontrolle« über die Emergenz des Cyberspace bis hin zum aktuellen KI-Hype und zu technikautoritären Strömungen. Es zeigt sich: Die Kybernetisierung erfasst auch die Kritik - die sich daher neu erfinden muss, um zu überleben.
Besprechung vom 21.03.2026
Wenn die Feedbackschleifen herrschen
Was heißt es, in einer von Algorithmen durchdrungenen Gesellschaft zu leben? Anna-Verena Nosthoff und Dirk Baecker versuchen sich an zwei unterschiedlichen Soziologien der Digitalisierung - und kommen zu ähnlichen Schlussfolgerungen.
Ob wir ein Restaurant suchen, Aktien kaufen oder eine Reiseroute planen: Stets bewegen wir uns in digitalen Umgebungen und verlassen uns dabei auf Technologien, deren Funktionsweise wir nur noch in Ausnahmefällen nachvollziehen können. Was bedeutet es für die Öffentlichkeit, für den Kapitalismus, für die Ausübung von Herrschaft, wenn Plattformen an Einfluss gewinnen, Daten massenhaft gesammelt und ausgewertet werden und Algorithmen Inhalte sortieren? Die Soziologie der Digitalisierung will diesen Fragen auf den Grund gehen. Ihre Antworten fallen notorisch divers aus - zu verschieden sind ihre Paradigmen und Zugriffe auf die Empirie. Zwei neu erschienene Bücher führen diese Diversität eindrucksvoll vor Augen. Sie widmen sich dem Phänomen Digitalisierung mit gänzlich unterschiedlichen Ansätzen, plädieren aber schlussendlich für etwas Ähnliches.
"Wer die Digitalisierung verstehen will, muss auf ihre kybernetischen Ursprünge schauen", meint Anna-Verena Nosthoff in ihrem ebenso detail- wie umfangreichen Werk "Kybernetik und Kritik. Eine Theorie digitaler Regierungskunst" (Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. 800 S., 28,- Euro). Die Kybernetik, von ihrem Begründer Norbert Wiener als "Wissenschaft von Kommunikation und Kontrolle" definiert, lässt sich als feedbacklogische Steuerung eines Systems beschreiben, die im Kern darauf beruht, dass Output als Information rückgeführt und zukünftiges Verhalten entsprechend angepasst wird. Sie ist heute so allgegenwärtig, dass sie schlicht unsichtbar geworden ist. Nosthoffs These lautet, dass wir in einem "postkybernetischen Zeitalter" leben - nicht weil wir die Kybernetik hinter uns gelassen hätten, sondern weil sie ubiquitär ist. Sie steckt in technischen Geräten wie Smartphones, Wearables und dem Internet der Dinge. Doch nicht nur dort. Sie bringt, so Nosthoffs Argument, auch eine spezifische Regierungsweise hervor, die nicht nur von außen lenkt, sondern indem Subjekte ihr Verhalten selbst regulieren.
Es ist diese Form der Lenkung - Gouvernementalität, wie Nosthoff sie mit ihrem theoretischen Gewährsmann Michel Foucault bezeichnet -, die Nosthoff offenlegen und so kritisierbar machen will. Dafür geht sie zu den Anfängen der Kybernetik in den 1940er-Jahren zurück. Kybernetik-Pionier Wiener entwickelte im Kontext des Zweiten Weltkriegs den Anti-Aircraft-Predictor, ein System, das die Zielgenauigkeit von Flugabwehrgeschützen verbessern sollte. Dabei ging es jedoch nicht nur um technische Fragen. Da die Piloten der feindlichen Kampfflugzeuge auf Beschuss reagierten und ihren Kurs änderten, musste ihr Verhalten antizipiert werden, um die Trefferquote zu erhöhen. Man ging davon aus, dass der Mensch in behavioristischer Manier auf externe Reize reagierte - und stellte zudem fest, dass die Piloten unter Stress oftmals dazu tendierten, einmal erfolgreiche Manöver zu wiederholen. Der Anti-Aircraft-Predictor erfasste also laufend Abweichungen von der berechneten Flugbahn und nutzte diese Daten, um seine Vorhersagen über die zukünftige Flugbahn zu optimieren. Jede neue Berechnung floss dabei in den Rechenprozess ein: "Outputs wurden zu neuen Inputs, die neue Outputs erzeugten - so entstand ein eigenständig qua Information lernendes, sich selbst perfektionierendes System, das sich beständig neu ausrichtete."
Obwohl das System nie eingesetzt wurde, ebnete es den Weg für die Erprobung feedbacklogischer Verfahren in mitunter sehr heterogenen Kontexten wie Maschinen, Subjekten und ganzen Gesellschaften. Zunächst stand der Beobachter dabei stets außerhalb des Regelkreises. Ab den 1970er-Jahren reifte unter den Kybernetikern jedoch die Erkenntnis heran, dass auch der Beobachter eines selbstregulierenden Systems Teil dieses Systems war und keinen Standpunkt außerhalb proklamieren konnte. Das von Stafford Beer entwickelte Projekt Cybersyn (cybernetics und synergy) schloss an diese Idee an. Sämtliche staatlichen Prozesse in Chile unter Salvador Allende sollten selbstorganisiert über rekursive Feedbackschleifen geregelt werden. Das nie realisierte Subprojekt "Cyberfolk" versuchte sich gar an einer feedbacklogisch organisierten Demokratie, die den Beobachter in die Rückkopplungsschleife integrierte: Es sollte direkte politische Partizipation ermöglichen, indem die Bevölkerung als Beobachter Präferenzen über eine Fernbedienung mit "Happy/Unhappy"-Knöpfen an die Regierung rückmelden sollte, die politische Entscheidungen dann entsprechend anpassen könnte.
Bekanntlich wurde das Cybersyn durch Pinochets Putsch im September 1973 beendet. Die Idee, dass Systeme nicht nur beobachtet werden, sondern auch selbst beobachten können, hatte ihren Siegeszug aber bereits angetreten. Und obwohl die Kybernetik als akademische Disziplin bald wieder von der Bildfläche verschwand, wurde sie zu einer Denk- und Handlungsform, die - oft unter dem Vorsatz "cyber-" - ihren Weg in Technik, Kultur und Alltag fand.
Die Gegenwart liest Nosthoff als Konstellation digitaler Regierungsweisen. Besonders einleuchtend ist das dort, wo sie die Kybernetisierung des Subjekts beschreibt. Wird das Subjekt wie schon beim Anti-Aircraft-Predictor als begrenzt rational, reaktiv und über Arrangements steuerbar begriffen, wird sein Verhalten modellierbar. Das zeigt sich etwa am digitalen Nudging, das bestimmtes Verhalten bestärkt. Wer einmal versucht hat, einen Facebook-Account zu deaktivieren, und Probleme hatte, die entsprechende Funktion im Dickicht des Interface aufzuspüren, versteht sofort, wie Verhalten zum Vorteil der Plattformen moduliert werden kann.
Die Öffentlichkeit wird hingegen über Plattformen kybernetisiert. Soziale Netzwerke funktionieren feedbacklogisch: Likes und Shares bestimmen Sichtbarkeit, Aufmerksamkeit und Anschlusskommunikation. Die Gestaltung technischer Umgebungen steuert so Kommunikation und wird zum Machtfaktor. Nosthoff führt ihre Gegenwartsanalysen in der Diagnose eines kybernetischen Kapitalismus zusammen, die jedoch vage bleibt. Mit Erich Hörl bezeichnet sie ihn als "jüngste Metamorphose der Kapital-Form", stellt ihn neben andere neuere Deutungen wie Nick Srniceks Plattform-Kapitalismus und betont die zunehmende Verschmelzung von Informations- und Finanzökonomie. Relevant ist der digitale Kapitalismus für sie aber ohnehin vor allem als Lenkungsweise: "Zusammengefasst", schreibt sie in theoriegeschulter Diktion, "bilden kybernetische Logiken, Dispositive und feedbacklogische Technologien somit die Strukturen und Formationen gegenwärtiger digitalkapitalistischer Regierungskünste."
Um Möglichkeiten der Kritik an diesen auszuloten, widmet sie sich eingehenden Lektüren von frühen Kybernetik-Kritikern wie Hans Jonas, Wolf-Dieter Narr und Paul Virilio. Die stets lesenswerten, aber ausgreifenden Diskursanalysen sollen, so Nosthoff, die nötige Distanz zur Gegenwart herstellen. Wenn das Digitale und damit Kybernetisierte umfassend geworden ist, helfen historische Kritiken dabei, seine Voraussetzungen offenzulegen. Dabei wird etwa deutlich, wie hartnäckig sich bestimmte Annahmen halten. Sei es die Fiktion einer politisch neutralen Technik oder die Reduzierung des Subjekts auf die Summe von Daten zu seinem Verhalten.
Doch auch wenn dem Leser nicht vordringlich daran gelegen ist, die Voraussetzungen für Gegenwartskritik genealogisch zu rekonstruieren, ist Nosthoffs Buch unbedingt lesenswert. So opak das Konzept der Kybernetik mitunter erscheinen mag, so aufschluss- und lehrreich sind die Schilderungen zu seiner Geschichte und Gegenwart. Darüber hinaus gelingt es der Autorin, sichtbar zu machen, was allzu oft aus dem Blick gerät: dass die technologischen und geistigen Bedingungen unserer digitalisierten Gegenwart aufs engste miteinander verschränkt sind - nicht nur, aber auch in Form von Feedbackschleifen.
Obwohl die Systemtheorie, nicht zuletzt in ihrer Ausformulierung durch Niklas Luhmann, ein Kind der Kybernetik ist, findet sie bei Nosthoff nur am Rande Erwähnung. Umso erfreulicher, dass nahezu zeitgleich ein kurzer Essay des Luhmann-Schülers Dirk Baecker erschienen ist, der sich dem Phänomen Digitalisierung aus einer gänzlich anderen, nämlich differenzierungstheoretischen Perspektive nähert ("Digitalisierung". Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. 157 S., br., 20,- Euro). Seine Theorie digitaler Medien will erhellen, was geschieht, wenn wir mit Computern kommunizieren. Baecker interessiert sich damit - und das ist ein weiterer zentraler Unterschied - gerade nicht primär für die Analyse von Machttechniken und Möglichkeiten der Digitalisierungskritik. Ebenso wie Nosthoff fasst er Digitalisierung als umfassenden Prozess, der keinen Bereich der sozialen Welt unberührt lässt, allerdings widmet Baecker sich der theoretischen Bestimmung des Verhältnisses von Digitalem und Analogem. Dafür hat er ein Theoriebuch geschrieben, das seinen Namen verdient: Präzise ausgearbeitete Begriffe, hochabstrakte Zusammenhänge, die weitgehend empiriefrei dargelegt werden und dem Leser einiges abverlangen - womöglich zu viel, um außerhalb einigermaßen hermetischer Theoriezirkel Anklang zu finden.
Baecker macht sich auf die Suche nach einer Antwort auf die Frage, was eigentlich passiert, wenn digitale Daten in eine analoge Wirklichkeit zurückgespielt werden. Denn so sehr, wie Digitalisierung Wirklichkeit in Daten übersetzt, müssen diese ins Analoge rückübersetzt werden, um in unseren Lebensvollzügen wirksam zu werden. Bild muss in Code und der Code wieder in ein Bild übertragen werden. Doch mehr noch: Daten müssen nicht nur abgelesen werden, sondern "ihre Bedeutung muss, wie rudimentär auch immer, verstanden und ihre soziale Reichweite abgeschätzt werden". Die Systemtheorie unterstellt bekanntlich die Existenz von Systemen, die nach ihrer je eigenen Logik operieren. Digitalisierung ist darauf angewiesen, dass die Systeme Technik, Organismus, Bewusstsein und Gesellschaft "für jeweils flüchtige Momente der Datenverarbeitung" synchronisiert werden: "Digitalisierung bedeutet die technische Produktion, die physiologische Wahrnehmung, das mentale Verständnis und die soziale Kommunikation von Daten." Ein Beispiel: Auf sozialen Plattformen klicken sich User durch die Inhalte eines Netzwerks, registrieren dessen Reichweite und können ihre Chancen auf Sichtbarkeit und Resonanz in Form von Likes, Reposts und Kommentaren einschätzen.
In der Umwandlung analoger in digitale Datenformate werden analoge Sachverhalte ihrem Kontext entrissen und büßen damit in einer gewissen Hinsicht an Bedeutung ein. Doch nur als Daten werden sie übertrag-, speicher- und vergleichbar. Weil die Wirklichkeit vielschichtig und widerständig ist und sich gerade nicht restlos in Daten zerlegen lässt, ist Digitalisierung, in einer typisch luhmannianischen Paradoxie, ein analoges Phänomen. Die Gesellschaft macht also einen Strich durch die Digitalisierung - im Buchtitel typographisch aufgegriffen, indem "Digitalisierung" durchgestrichen ist.
Was auch immer das Erkenntnisinteresse sein mag: Kaum ein soziologisches Buch kommt heutzutage ohne Vorschlag für eine praktische Intervention aus. Und auch Baecker versteht seine eingehende begriffliche Entfaltung unserer Art, mit Computern zu kommunizieren, explizit als "Heuristik, die sich praktisch bewährt, indem sie dafür zur Verfügung steht, sich einzumischen". Einmischung heißt für ihn sowohl, Technokraten in ihre Programme zu schauen, also die unsichtbaren Selektionslogiken großer Plattformen offenzulegen, als auch Alternativen aufzuzeigen. Das scheint dann wieder gar nicht so weit entfernt von Nosthoffs in Anlehnung an Foucault formuliertes Diktum, "nicht dermaßen (digital) regiert zu werden". HANNAH SCHMIDT-OTT
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