Das Patriarchat, Feminismus und der Balanceakt zwischen Kindererziehung und Job. Sehr fesselndes Familiendrama.
Jessica Parks hat sich trotz Kindererziehung und Familienleben zur Richterin hochgearbeitet. Ihr Sohn Harry ist mittlerweile schon achtzehn Jahre alt. Ihr Ehemann Michael arbeitet als Kronanwalt. Obwohl Michael sehr erfolgreich in seinem Beruf als Anwalt agiert, meint Jessica immer ihre höhere Stellung herabspielen zu müssen, um ihrem Mann nicht das Gefühl zu geben, er sei weniger erfolgreich. Der unausgeglichene Berufserfolg, dass die Frau im Hause einen höher angesehenen Beruf ausübt als ihr Ehemann, steht wie eine kleine Mauer unausgesprochen zwischen dem Ehepaar. Außerdem organisiert Jessica den Familienalltag größtenteils allein, auch wenn es ihr viel abverlangt, Familie und Berufsleben unter einen Hut zu bekommen. Ihr gemeinsamer Sohn Harry bedeutet Jessica alles. Ich hatte den Eindruck das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn ist sogar sehr eng. Doch Harry befindet sich in einem Alter, indem er nicht mehr über alles offen spricht, erst recht nicht mit der Mutter. Deshalb ist Jessica heilfroh darüber, dass er nun in einem Freundeskreis aufgenommen wurde, auf Partys geht und nicht mehr gemobbt wird, wie in den Schuljahren zuvor.Für Jessica und Michael gehören Vergewaltigungsfälle zum Berufsalltag. Jessica steht als eingeschweißte Feministin hinter den Opfern. Ihr ist es wichtig, dass alles gerecht abläuft, auch wenn es nicht in ihrer Macht liegt, da eine Verurteilung ebenso von dem gewonnen Eindruck der Geschworenen abhängt.Es ist mehr als ein Schock, als ihr eigener Sohn plötzlich der Vergewaltigung bezichtigt wird. Jessica kann nicht glauben, was ihrem Sohn angedichtet wird. Nach und nach stellt sich heraus, wie hilflos sie in dieser Situation ist. Sie muss die Kontrolle über ihren Sohn, um den meist sie sich kümmerte, nun in die Hände des Vaters und einem befreundeten Anwalt geben. Ich bekomme als Leser einen sehr genauen Eindruck, wie schwer dieser Vorfall die Familie belastet. Plötzlich geht es nicht nur darum, was dem Sohn vorgeworfen wird, sondern auch, wer aus der Familie Fehler begangen hat. Es stellt sich die Frage, wie man sich in dieser Situation am besten verhält und wie man reagiert, sollte es zu einer Gerichtsverhandlung kommen. Jessica beginnt zu zweifeln und auch Michael scheint sehr betroffen zu sein. Kommt der Fall ans Licht, steht die berufliche Karriere der Eltern auf dem Spiel und die Zukunft des Sohnes sowieso. Die Geschichte, die sehr langsam und mit vielen Rückblicken in Harrys Kindheit startet, fesselte mich enorm und regte mich sehr zum Nachdenken an. Ständig grübelte ich darüber nach, ob Harry tatsächlich etwas getan hat, was eigentlich nicht zu ihm passt. Zum Ende hin hätte ich mir gern ein Zusatzkapitel gewünscht, indem ich erfahre, wie es weitergeht. Zwar war die Story erzählt, aber ich hätte gern von einigen Protagonisten erfahren, wie sie mit ihrem Schicksal umgehen. Da ich mich so sehr in diesen Fall hineingesteigert habe, kann ich ihn nicht so einfach loslassen. Allein, weil mich das Buch so sehr mitgerissen hat, kann ich es absolut empfehlen, aber auch, weil es sehr wichtige Themen wie das Patriachat, Feminismus und den heute so aktuellen Balanceakt zwischen Kindererziehung und Job behandelt. Absolute Leseempfehlung!