Der Autorenname Andreas Wunn ist mir seit dem beeindruckenden Zeitzeugnis Mutters Flucht und dem perfekten Familienroman Saubere Zeiten, beide 2023 erschienen, ein Begriff. Da musste ich sofort zugreifen, als Die Brüder, die wir waren veröffentlicht wurde. Ich hatte mir viel erhofft, am meisten vielleicht einen Familienroman aus anderem Blickwinkel. Aber so familiär wie gedacht, ist dieser Roman dann doch nicht.
Die Brüder Julius (der Ältere) und Max waren aus meiner Sicht nie ein Herz und eine Seele, im Roman driften sie auseinander, sie sind wie Planeten auf sehr entfernten Umlaufbahnen, ihre Sonne heißt Nina. Der Mond könnte Milton heißen.
Nach ihrer Kindheit an der Mosel, die auch eine Rolle spielt im Gegeneinander der Brüder, geht erst Julius mach Berlin, es folgt Max, der dort Medizin studieren und als Hausarzt in die Fußspuren seines Vaters treten wird. Julius indes versucht sich als Journalist, sein Studium scheint nur hinderlich, aber wirklich hinderlich ist seine sonderbare Einstellung zum Leben. Spätestens als er den Film Matrix sieht, fällt er zunehmend in eine Rolle als Verschwörungstheoretiker, liebäugelt später mit Corona-Leugnern und rechtem Gedankengut und gerät in eine denkbar schlechte Position. Seine Frau Nina geht immer wieder auf Abstand, seine Nichte Leonie möchte ihren Onkel Julius nicht verlieren, Max fühlt sich immer unwohler in der Rolle des Bruders. Heile Familie sieht anders aus.
Und doch ist es Max, der zum Psychiater geht, nicht Julius, der es aus meiner Sicht eher nötig hätte. In seiner [Max] Erinnerung hatte es immer wieder Ereignisse gegeben, an denen sich Julius abarbeitete, mal nach innen gekehrt wie ein zusammengekauertes Tier, mal brodelnd wie ein heißer Topf, dessen kochendes Wasser am Deckel rüttelt.
Andreas Wunn beschreibt diesen Bruderzwist in Vor- Rückblenden und lässt mich als Leser am Ende doch etwas unzufrieden zurück. Der Epilog erzählt mit ein, zwei Sätzen die Geschichte jedes Protagonisten weiter, die Planeten bleiben sich fern.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.