eine schöne Rückkehr zu Miss Marple in modernem Gewand
Als Jugendliche entdeckte ich die Kriminalromane von Agatha Christie und bin der Autorin seither verfallen. Bücher der Reihen rund um Miss Marple und Hercule Poirot habe ich teilweise mehrfach gelesen und liebe auch die Verfilmungen mit Margaret Rutherford bzw. Peter Ustinov. Daher kann man sich vermutlich meine Begeisterung vorstellen, als ich erfahren habe, dass es einen neuen Kriminalroman mit meiner Lieblingsdetektivin Miss Marple geben soll. Die Nachkommen der Autorin haben Lucy Foley damit beauftragt und alle alten sowie neuen Fans der netten Dame aus St. Mary Mead können sie auf einer Urlaubsreise in die Schweiz begleiten. Miss Marple reist dabei an der Seite ihrer Freundin Mrs. Bantry, die man bereits aus "Die Tote in der Bibliothek" kennen könnte, in das Grand Alpine Hotel. Vor Ort könnte alles so idyllisch sein, doch es ereignet sich ein kaltblütiger Mord und abgeschnitten von der Außenwelt muss Miss Marple den Täter unter dubiosen Politikern, Ärzten und Filmstars ermitteln, um weiteres Unglück zu verhindern.Lucy Foley steckt Miss Marple in ein moderneres Gewand, denn in wechselnden Kapiteln begleitet man beim Lesen einzelne Hotelgäste, die in den Fall verwickelt sind, geschrieben in der jeweiligen Ich-Perspektive. Gekonnt spinnt die Autorin dabei einen spannenden Fall mit einigen Verstrickungen, dessen Auflösung ich angenehm als nicht zu vorhersehbar empfand, auch wenn Agatha Christie als Meisterin ihres Fachs für noch deutlich mehr Verschleierung in ihren Romanen sorgte. Das Setting in den Bergen bot sowohl eine idyllische, wie auch eine raue Kulisse, und Miss Marple war permanent mit an Bord, was mir gut gefiel! Sehr geliebt habe ich auch die Hinweise auf vorherige Romane und typische Figuren von Agatha Christie wie Miss Marples' Neffe Raymond. Oder auch Miss Marples Art, aktuelle Geschehnisse mit bereits erlebten Situationen aus ihrem Dorf St. Mary Mead zu vergleichen. Auch der begrenzte Täterkreis durch das Closed-Room-Szenario war gekonnt dem Stil Agatha Christies nachempfunden. Dennoch habe ich auch ein paar Kritikpunkte anzumerken: Miss Marple selbst kam mir zu Beginn doch etwas zu naiv gezeichnet vor und ich war sehr erleichtert, als sich dies schnell wieder verlor und Jane die toughe und kluge, aber nette Dame darstellte, die ich bei Agatha Christie so lieb gewonnen habe. Hinzu kam, dass sich der erste Mord sehr spät - erst nach einem Drittel des Romans - ereignete, obwohl schnell klar wurde, wer sterben "muss". Das hat mir in diesem Roman eine Spur zu lange gedauert. Obwohl ich die wechselnde Perspektive der Hotelgäste als sehr spannend empfand und es auch grundsätzlich mochte, dass die Autorin ihren eigenen Stil eingebracht hat, nahm der Perspektivwechsel viel Spekulationen, zwischenmenschliche Beobachtungen und Detektivarbeit beim Lesen vorweg. Denn was ich an Agatha Christies Romanen so liebe, ist der psychologische Feinsinn, mit dem die Figuren seziert und betrachtet werden. Kleinste Regungen oder Bemerkungen sind Vonnöten, um das Gesamtbild zusammenzusetzen. Während ich bei Agatha Christie in diesem Zusammenhang seltenst darauf kam/komme, wer der/die Täterin ist, konnte "Mord im Grand Alpine Hotel" an dieser Stelle nicht vollends mithalten. Es war zwar nicht zu vorhersehbar, dennoch kam bei mir insgesamt einfach nicht der ausgefeilte "Agatha-Christie-Thrill" auf, den ich so sehr schätze. Obwohl die Handlung in den 50ern angesiedelt ist, bedient sich der Schreibstil eher moderner Sprache und war dadurch leicht zu lesen, nahm dem Roman aber auch ein bisschen Charme des Jahrzehnts. Ich kann aber gut nachvollziehen, warum die Autorin das so gelöst hat und kann mir vorstellen, dass man so auch neue LeserInnen an die Romane heranführen kann.Der Spannungsbogen hielt sich bis zum Schluss und die finale Auflösung empfand ich als nachvollziehbar, gut gelöst und die Hintergründe geradezu feministisch, was mir sehr gefallen hat und für mich ein echter Pluspunkt des Romans war. Dieser moderne Ansatz konnte mich sehr begeistern. Ich würde trotz meiner Kritikpunkte daher jederzeit einen weiteren Roman mit Miss Marple von Lucy Foley lesen. Um aber das "Agatha-Christie-Gefühl" zu erhalten, würde ich grundsätzlich zum Original greifen oder kann auch die Romane von Sophie Hannah, die neue Geschichten von Hercule Poirot geschrieben hat, sehr empfehlen.Zusammengefasst habe ich es genossen, Miss Marple erneut zu begegnen und finde, die Autorin hat einen guten Job gemacht. Nichtsdestotrotz gibt es für mich eine (vielleicht auch emotionale) Lücke zum Original und so bin und bleibe ich im Zweifelsfall Anhängerin der Romane, die Agatha Christies Feder direkt entsprangen. ;)