Seit ich vor zwei Jahren Isidor von Shelly Kupferberg gelesen habe, ist mir die Geschichte ihres Urgroßonkels nie mehr aus dem Kopf gegangen. Ich freute mich sehr über die Ankündigung des neuen Romans und ich wurde nicht enttäuscht. Shelly Kupferberg schreibt so poetisch, lebendig und mit so viel Empathie für ihre Protagonisten, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte.
Ich las die Lebensgeschichte der Frau Martha immer mit Tränen in den Augen, weil ich mit ihr fühlen konnte, als wäre sie meine Verwandte. Meine Oma war auch eine Schneidertochter, machte den Haushalt und kümmerte sich um die Buchführung. Martha erinnert mich ein wenig an sie, besonders mit ihrem stolzen Spruch, mit dem sie sich bei den Brüdern Berkowitz um eine Stelle als Hausbesorgerin bewirbt »Ich bin das einzige Kind sehr gewissenhafter, frommer Menschen. Bescheidenheit, Verantwortung und Sparsamkeit wurden mir in die Wiege gelegt. Ich habe schon früh gelernt zu haushalten.« Wie schwer es ihr mit den Jahren fallen wird, allen Anforderungen gerecht zu werden, das weiß sie da noch nicht. Auch die persönlichen Verflechtungen mit der Familie Berkowitz stehen noch in den Sternen. Denn zuerst lernt Martha die tatsächlich die begehrte Stelle erhalten hat, inklusive einer Wohnung in dem Schöneberger Mietshaus ihren Willy kennen. Der ist Briefträger und wird nach längerem Werben dann auch ihr Ehemann. So ganz einfach hat der Willy es auch nicht mit seiner Martha, denn die pflegt die oben beschriebenen Eigenschaften nicht nur für ihr Dienstverhältnis, sie ist auch im Privatleben sehr, sehr sparsam und gewissenhaft. Aber Willy nimmt das gelassen und so verläuft die Ehe wie viele, nur leider ohne Kinder, denn nach dem ersten, verlorenen darf Martha nie wieder schwanger werden.
Kinder sind es aber, die ihren Blick oft anziehen, als ihr Dienstherr Henry Berkowitz sein Töchterchen Liane bekommt, stellt sich ein ganz besonderes Verhältnis ein. Henrys Ehefrau, russische Emigrantin und Sängerin, ist nicht die ideale Mutter; Martha ersetzt Liane zwar die Mutter nicht, aber sicher eine liebevolle Tante. Diese innige Beziehung besteht von der Geburt der kleinen Liane bis an ihr bitteres Ende.
Shelly Kupferberg beschreibt also nicht nur den Lebensweg der Martha, sondern die tragische Lebens- und Familiengeschichten der Berkowitz, auch der mit Berkowitz befreundeten Familie Samulewitsch, aber auch der Mitbewohner, Nachbarn und Bekannten. Mich hat dieses Buch sehr berührt, die schwersten Prüfungen, die alle, auch Martha und Willy bestehen müssen, die überleben wollen und es doch nicht immer können, das las sich trotz des angenehmen, leichten Schreibstils der Autorin überhaupt nicht leicht. Es machte mir das Herz schwer, welchen Qualen die Menschen ausgesetzt waren im Nationalsozialismus. Es sind nicht nur die Folterqualen, es ist der psychische Druck, der die Menschen nachhaltig beschädigt hat. Nicht jeder war und ist in der Lage, diese Traumata zu überstehen.
Ein Schlüsselmoment im Roman war für mich die Beschreibung des Badevergnügens von Liane und Remus im Sommer 1940, er erinnerte mich schlagartig an den Film Hilde, der die Geschichte von Hilde Coppi und der Roten Kapelle erzählt. Ich hatte nicht, was ich sonst leider viel zu oft tue, das Nachwort zuerst gelesen. Hier wird Shelly Kupferberg die gut recherchierten Details zu diesem Roman erklären. Für mich wurden die Zusammenhänge noch während des Lesens klar, ich verrate hier keine Geheimnisse, das Schicksal von Liane Berkowitz ist öffentlich nachzulesen u. a. bei Wikipedia. Ich erinnerte mich direkt an ihren Namen beim Lesen, sie ist eine der Frauen aus dem Biografienband Frauen gegen Hitler - Weiblicher Widerstand im Dritten Reich von Christiane Kruse, erschienen 2024 beim BeBra Verlag. Und sie war eine von 50 Porträtierten, die mir so stark im Gedächtnis geblieben sind.
Zufällig ist auch in meiner weitverzweigten jüdischen Familienhälfte ein Alex Zadik Berkowitz, er hat sich diesen Namen selbst erwählt, wie einen Künstlernamen, und er starb im KZ Buchenwald. Ich habe mich lange und intensiv mit Recherchen zu Holocaustopfern und überlebenden Familienangehörigen beschäftigt, es ist sehr mühsam und aufwendig, bis so ein Buch entstehen kann. Die Hilfe von dem im Dank erwähnten Johannes Tuchel und seinen Mitarbeitern kam auch meiner Arbeit zugute. Mein Vater wurde im Alter von 24 Jahren 1935 wegen Hochverrats zu zwölf Jahren Zuchthaushaft verurteilt, die nach zehn Jahren endete, weil er von der Roten Armee befreit wurde. Wäre er den Nazihäschern Anfang der 1940er Jahre in die Hände gefallen, hätte auch er ein Todesurteil erhalten. Ich hatte das während des Lesens immer im Hinterkopf, wie unsagbar tapfer Liane Berkowitz und all die anderen Widerstandskämpfer waren. Sie wussten, dass ihnen der Tod drohte. Und haben trotzdem mit ihren Aktionen nicht aufgehört.
Fazit: Shelly Kupferberg gelingt es, Menschen, die schon lange tot sind, in das Gedächtnis zurückzuholen, ihnen ein literarisches Denkmal zu setzen, der einfachen Frau Martha ebenso, wie der Widerstandskämpferin Liane Berkowitz, wie den Bewohnern dieses Schöneberger Mietshauses oder den Samulewitschs. Und es spielt keine Rolle, ob die Romanfiguren fiktiv oder real sind, ich sehe sie alle symbolisch für die Opfer des Nationalsozialismus. Der wunderbare Schreibstil lässt einen das Buch nicht mehr aus der Hand legen, es fesselt bis zum Schluss. Absolute Leseempfehlung!
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.