Ein Buch voller gewaltiger Bilder
Der Fluch des zweiten Buches nennt man es, wenn das Debüt ein Riesenerfolg war und das Zweite einfach nicht mithalten kann. Ich kann mir vorstellen, dass jede*r Autor*in große Angst davor hat dem Erfolg nicht mehr gerecht werden zu können. Und auch ich war sehr neugierig darauf, ob Regina Denk es auch mit dem neuen Text schafft, mich mit dem neuen Roman an meinen Lesesessel zu fesseln.Wir sind wieder in den Bergen, und wandern diesmal über Grenzen, in der Zeit um den ersten Weltkrieg. Die Salzach trennt Deutschland von Österreich, die beiden Orte, die sich gegenüber liegen, gehören zwar zu anderen Ländern, sind aber durch Freundschaften, Handel und Familien miteinander verbunden. Dass dies möglich ist, verdanken Sie dem Fährmann, der so wichtig ist, dass seine Nachfolge geregelt sein muss und die Amtseinführung ein großes Fest ist. Hannes weiß schon als Kind, dass er diesen Job übernehmen muss. Eine Ehe ist für ihn Tabu. Ein Leben in Einsamkeit wartet auf ihn.Auch seine beiden Freundinnen aus Kindheitstagen, Elisabeth und Annemie, die auf der deutschen Seite zu Hause sind, bekommen eine Zukunft die von anderen bestimmt wird. Bei der einen ist es die frühe Verpflichtung im elterlichen Wirtshaus mitzuhelfen und zu den Gästen immer recht freundlich zu sein, egal, was sie von ihr wollen. Bei der Anderen, sind es die Eltern, die sie an einen österreichischen Bauern verheiraten, um den Reichtum zu mehren.Es ist Josef, der beide Frauen ruiniert und die Handlung dominiert. Er ist das personifizierte Böse, ein Mann, dem Frauen nie etwas entgegengesetzt haben, der Gewalterfahrungen in Wut verwandelt und seinen Besitzanspruch körperlich an allem auslässt, was ihm in die Quere kommt.Was hat er mich abgestoßen, dieser Mann. Narzisstisch bis zum geht nicht mehr, lebt er Brutalität in einer Form aus, die ich kaum ertragen konnte. Ich musste ab und an die Absätze überfliegen, um erst dann wieder zu Ihnen zurückzukehren, wenn ich wusste, ob und wie wer zu Schaden gekommen ist. So konnte ich es aushalten.Engelsgleich entgegen wirkt Hannes auf uns. Dieser Kontrast scheint etwas plakativ, streicht aber das Dämonische von Josef sehr stark hervor. Annemie und Elisabeth führen ein Leben, mit dem man zu keiner Zeit tauschen möchte. Besonders Erstere hat mich als Figur sehr beeindruckt. Das Wirtshausszenario hat mich stark an meine Kindheit erinnert (wenn auch nicht in dem gewaltvollen Maße). Als Tochter von Gastwirten musste auch ich schon mit 12 Jahren helfen. Während andere ihre Jugend auslebten, zog diese zwischen Bierpfützen und schmutzigen Tellern an mir vorbei. Und ganz wichtig war immer was die Anderen sagen. Gäste haben immer recht, und man muss lächeln, sonst kommen sie nicht wieder. Ich habe es gehasst, das hat man mir angesehen, und Trinkgeld habe ich auch nur sehr selten bekommen - aus Gründen! Annemie ist da anders, und sie schafft es kaum, sich gegen die Dominanz der zahlenden Kunden zu wehren. Aber sie entwickelt sich meinem Empfinden am meisten weiter. Sie schafft es ihre Emotionen für den Mann, den sie nicht haben kann, in Schach zu halten, und mit ihnen umzugehen. Alle Frauen in diesem Roman haben keine Chance, sich gegen Männer zu behaupten. Die mangelnde Solidarität untereinander verschärft die Situation extrem.Kehren wir noch mal zu Josef zurück. Immer wieder bekommen wir einen kleinen Einblick, der uns erahnen lässt, warum er so geworden ist. Das könnte großes Mitgefühl bei mir wecken. Allerdings macht die Bösartigkeit, mit der er Mensch und Tier behandelt, es nahezu unmöglich. Resilienz ist hier ein Thema. Während manche, es hinbekommen, die als Kind erlebte Gewalt nicht weiter zu tragen, schaffen andere es nur zu überleben indem sie diese noch schlimmer ausleben. Trotzdem war seine Figur sehr differenziert konstruiert. Sein narzisstisches Verhalten zeigt kleine Risse, die immer dann entstehen wenn man Josefs inneren Monologen genau lauscht. Er redet sich nämlich ein, was für ein machtvoller Mann er ist, er fühlt es aber nicht.Vom Aufbau her und der Sprachmelodie folgend sind wir sehr nah am Debüt der Autorin. Wie in der Schwarzgeherin gibt es auch hier unterschiedliche Perspektiven, die Natur bekommt ihre eigene Stimme und Dialekt sowie Formulierungen einer vergangenen Zeit sind sehr selbstverständlich eingeflochten. An ganz wenigen Stellen schießt Denk vielleicht ein bisschen übers Ziel hinaus, als einer der Burschen seine "Männlichkeit" spürt, musste ich kurz zucken-es blieb aber bei dem einen mal.Das Buch liest sich so rasant wie die Salzach fließt. Ich konnte manchmal gar nicht gucken, wie schnell ich die Leseabschnitte geschafft hatte.Dass nun der zweite Roman der Autorin dem Ersten so ähnlich ist, hat mich nicht gestört, im Gegenteil - ich war ganz froh, in ein ähnliches Szenario zurückzukehren. Aber es trat der -wie ich es nenne - Dan Brown Effekt ein. Das erste Mal ist man überwältigt von der Macht des Buches, beim zweiten Mal denkt man: Das ist genauso gut! Aber die Aufgeregtheit etwas Neues entdeckt zu haben, bleibt natürlich weg.Ich finde das Regina Denk es mit dem Fährmann hervorragend geschafft hat sich selbst und ihrem Erfolg treu zu bleiben. Von mir gibt es eine riesengroße Empfehlung an alle, die die Schwarzgeherin mochten, und eine weitere Alpengeschichte verschlingen möchten.