
Besprechung vom 14.03.2026
Ihre Leiche wurde niemals gefunden
Roberto Saviano erzählt die wahre Geschichte von Rossella Casini, die von der 'ndrangheta getötet wurde.
Von Karen Krüger
Die Ebene von Gioia Tauro in Kalabrien steht seit jeher unter der Kontrolle der Mafiaorganisation 'ndrangheta. Sie soll dort in den vergangenen fünfzig Jahren für das Verschwinden mehrerer Hundert Menschen verantwortlich sein. Unter den Opfern ist auch Rossella Casini. Die junge Frau aus Florenz wurde letztmalig am 22. Februar 1981 in Palmi gesehen, wo die damals Vierundzwanzigjährige die Familie ihres Verlobten Francesco Frisina besuchte. Am selben Tag hatte sie ihren Vater angerufen und gesagt, dass sie nach Hause kommen werde. Dreizehn Jahre lang fehlte jede Spur von ihr, bis ein Mafiakronzeuge 1994 aussagte: "Macht die Fremde fertig", habe der Befehl der 'ndrangheta gelautet.
Rossella Casini wurde entführt, vergewaltigt, zerstückelt und mithilfe der Familie Frisina ins Meer geworfen. Das Foto auf dem Buchdeckel von Roberto Savianos neuem Roman soll das einzige sein, das es noch von ihr gibt. Es stammt aus ihrem Studentenausweis. Journalistinnen der Zeitung "Repubblica Firenze" fanden ihn im Archiv der Universität Florenz.
Zwei Jahre nach seinem Romanerfolg "Falcone" über den berühmten Mafiarichter, der 1992 einem Attentat der Cosa Nostra zum Opfer fiel, widmet Roberto Saviano sich in "Meine Liebe stirbt nicht" abermals einem wahren Mafiaverbrechen. Rossella Casini lehnte sich im Namen einer großen Liebe gegen die Welt der 'ndrangheta auf. Es ist eine Geschichte ohne Gerechtigkeit, die Saviano mit Intensität und Dringlichkeit erzählt, und auch diesmal hat er das Geschehen mithilfe von Gerichtsunterlagen, Abhörprotokollen und Zeitzeugenberichten rekonstruiert und dort, wo die Datenlage lückenhaft ist, seiner Phantasie freien Lauf gelassen.
Die Erzählung beginnt im Herbst 1977 in Florenz, damals eine Hochburg radikaler Studenten- und Arbeiterproteste. Rossella Casini studiert Psychologie, lernt aus Spaß Esperanto, hört die Musik der Rockband The Pooh und ist die einzige Tochter einer Hausfrau und eines pensionierten Fiat-Angestellten, der seine Tage mit Fernschach verbringt. Die Familie wohnt in einem Haus der Altstadt, in das zum neuen Studiensemester eine Wohngemeinschaft junger Kalabreser zieht. Francesco Frisina studiert Wirtschaftswissenschaften und stammt aus der Ebene von Gioia Tauro. Rossella und er verlieben sich ineinander. Ihr gefällt seine Tatkraft und Entschlossenheit, die er auch ihren Eltern gegenüber demonstriert. "Ich und Rossella sind eins", erklärt er ihnen beim Abendessen. Das Paar kennt sich da erst seit wenigen Tagen.
Rossella ahnt nicht, dass Francescos Familie einer Zelle der 'ndrangheta, einer sogenannten 'ndrina, angehört. Weder Rossella noch ihre Eltern können die Zeichen lesen. Der wegweisende Maxiprozess der Richter Falcone und Borsellino, der von 1986 bis 1992 dauerte und Italiens Öffentlichkeit sensibilisierte, hatte noch nicht stattgefunden. Rossella begleitet ihren Verlobten 1979 auf einem Urlaub nach Hause, an einen Ort, an dem "das Gesetz des Staates nie Fuß gefasst hat". Sie ist dort "die Fremde", "das Mädchen aus dem Norden", wie Francescos Schwester die junge Frau nennt. Ihr Bruder ist "u Principu", "das Prinzchen", er soll die Macht der Familie erben, spielt aber die Rolle desjenigen, der diesen Strukturen entkommen ist. Als ein rivalisierender Clan seinen Vater ermordet, schließt er sich dem Rachefeldzug an und wird dabei schwer verwundet. Im Krankenhaus überredet Rossella ihn, gegen die Täter auszusagen. Diese Aussage zieht Francesco jedoch wieder zurück.
Das Buch ist dort am stärksten, wo Saviano die Eskalationsdynamik zwischen den Familien schildert und seine tiefen Kenntnisse über die Funktionsweise der 'ndrangheta in die Romanhandlung eingeflossen sind. Ihre Mitglieder sehen sich als "Soldaten" und agieren als "Armee", um eigene Interessen zu verteidigen. Dass hingegen für Rossella die Liebe der wichtigste Antrieb ihres Handelns war, steht für Saviano außer Frage. Man versteht das schnell, ein bisschen weniger Emphase hätte manchen Stellen gutgetan. Saviano lässt zwar anklingen, dass ebenso ein Bedürfnis nach Einfluss und Macht eine Rolle gespielt haben könnte, verfolgt diese Spur aber nicht weiter. Liebe, das hat der italienische Mafiaexperte in "Treue", seinem Buch von 2025 über Frauen in Mafiaorganisationen, herausgearbeitet, gilt im Kontext der Organisation als ein Schwachpunkt. Sie wird als Gefahr für Loyalität und Zuverlässigkeit angesehen. Indem der Clan Rossella tötet, wird Francesco von seiner Unzuverlässigkeit reingewaschen.
In einem Interview hat Roberto Saviano gesagt, Francesco Frisina lebe mittlerweile in Rom. Seine Gruppe habe vor Jahren eine Bar gegenüber dem Palazzo Chigi gekauft. Der Prozess wegen der Entführung und Ermordung seiner Verlobten, bei dem neben Francesco Frisina auch dessen Schwester angeklagt wurde, begann im März 1997 und endete neun Jahre später mit einem Freispruch, obwohl die Richter die Aussage des Kronzeugen als glaubwürdig einstuften. Die Berufung gegen das Urteil wurde abgewiesen, da sie nicht fristgerecht eingereicht worden war.
Seit 2016 erinnert in Florenz am Haus, in dem Rossella Casini mit ihren Eltern wohnte, eine Gedenktafel an das Schicksal der jungen Frau. Sie habe "aus Liebe die kriminelle Regel des Schweigens" gebrochen, steht darauf. Roberto Saviano hat ihre Geschichte durch seinen wichtigen Roman wieder zum Leben erweckt.
Roberto Saviano: "Meine Liebe stirbt nicht". Roman.
Aus dem Italienischen von Anna Leube und Wolf Leube. Hanser Verlag, München 2026.
400 S., geb.
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