Michael Wildenhain will mit seinem neuen Roman "Das Ende vom Lied" nicht gefallen und tut es auch nicht. Aber er will herausfordern, er will, dass der Leser sich mit seiner anspruchsvollen Sprache, mit Ekel, Gewalt, Sexualität auseinandersetzt und er versucht, den derben Umgang auf der Straße zu zeigen.Es geht um den 12-jährigen namenlosen Ich-Erzähler, der mitten in Westberlin in den 60-er Jahren aufwächst und häufig auf sich allein gestellt ist. Der Vater hat eine Affäre und ist häufig abwesend, dieMutter wirkt seltsam der Gegenwart entrückt, sitzt mit roten Lippen und in Dessous vor dem Spiegel, summt, spricht mit sich selbst und spielt mit ihrem Sohn Streichel-Spiele. Sie scheint enttäuscht, erwartet nicht mehr viel, wirkt passiv und depressiv. Und der jüngere Bruder, der dem Jungen wichtig ist, wird auf ein Internat geschickt und ist auch nicht mehr greifbar. Wir erleben eine angespannte Familiensituation, die keinen Halt und wenig Freude geben kann. Deshalb zieht es den Jungen nach draußen und die Begegnung mit der feindlichen Welt prägt seine Entwicklung und wird detailliert beschrieben, die Begegnung mit Gewalt, Kraft, Kampf, erster Liebe, Freundschaft und den Hintergrund dazu bildet das geteilte Berlin, Aufbruch, Verdrängung, Neuanfang. Ein politischer Strang im Roman beschäftigt sich mit der linken Gewalt der Nachkriegszeit und kurze historische Abrisse unterbrechen an einzelnen Stellen die Geschichte.Der Inhalt fesselt, allerdings ist er z.T. auch etwas wirr, Sequenzen reihen sich aneinander, Eindrücke, Erlebnisse. Der Junge hat es nicht leicht, lernt, sich durchzusetzen, versucht stark zu sein und sich zu behaupten, meldet sich heimlich beim Boxverein an, findet dort Unterstützung, er geht seinen Weg, vereint unterschiedliche Eigenschaften, ist gebildet und belesen, eher zurückgezogen, will aber nicht als Verlierer enden und kämpft aktiv dagegen an. "Wenn du bloß ausweichst, wirst du nie ein Kämpfer!", ist das Motto seines Trainers. Die Gesetzte auf der Straße sind unbarmherzig und er merkt bzw. glaubt, dass er nur mit Gewalt / Kraft weiterkommt, deshalb trainiert er mit dem Ziel der Unabhängigkeit. Im Laufe des Romans findet eine Entwicklung statt, er ist fast 13, wird erwachsen, ist sich seiner selbst bewusst. "Ich bin der Mittelpunkt der Welt."Vor allem die Sprache ist auffällig, die immer wieder besticht und herausfordert, an Grass' expressiven Kraftausdrücke und Beschreibungen erinnert - voller Gegensätze, Rohheit, Klarheit und auch Schönheit, viele literarische Anspielungen durchziehen den Roman wie z.B. die Ballade "Gudruns Klage", die immer wieder in Fetzen zitiert wird und Parallelen zum Geschehen zeigt, das Motiv der Nibelungen, Kafkas Käfer, die Anspielungen an die Götterwelt etc. - der Junge ist belesen und geht auf eine anspruchsvolle Schule, zugleich boxt er und behauptet sich im Arbeitermilieu."Mir ward kein guter Morgen,seit ich dem Feind verfiel:mein Speis und Trank sind Sorgenund Kummer mein Gespiel.Doch berg' ich meine Tränenin stolzer Einsamkeit;am Strand den wilden Schwänenallein sing' ich mein Leid." Eine düstere Geschichte mit Protagonisten, die keine typischen Sympathieträger darstellen, dramatisch und voller Leben, Verlierer, die sich der Welt entgegenstellen, voller Tragik und unbändigem Lebenswillen und die Hoffnung auf Veränderung in sich tragen, auf eine Flucht vor der Gegenwart und den eingeengten Verhältnissen, verbunden mit dem abschließenden Wunsch nach Glück.